Leseprobe: „Wenn wir alle doch nur schweigen könnten“ von Dominik Grittner

Leander ist ein junges Arschloch par excellence. Er streitet mit seinen Lehrern, spielt mit den Gefühlen von Mädchen… und begehrt seine Stiefmutter. Autor Dominik Grittner veröffentlichte seine Novelle „Wenn wir alle doch nur schweigen könnten“ vor wenigen Tagen via Magdeburger Kunstblatt „Die Analoge Elster.“ Youngspeech bringt das erste Kapitel der Novelle online.

Wolfgang Voelz © dpa
Text: Dominik Grittner | Illustrationen: Sarah Neuendorf

Frau Brode möchte, dass wir einen Aufsatz schreiben. Die Sommerferien sind vorbei und die sollen nicht sinnlos verschenkt worden sein. Wenn man Erfahrungen schriftlich festhält, haben sie einen Mehrwert, klar. „Schreibt über das Erlebnis, welches euch im Sommer am tiefsten bewegt hat“, heißt es. Dabei weiß jeder ganz genau: Die Brode hat ein superintelligentes Buch in den Sommerferien begonnen – Joyce oder Tolstoi oder fucking Faust – und das nicht geschafft, will uns beschäftigen, während sie liest. So sind Lehrer ja immer: Schwächen vor den Schülern verbergen.

Aufgabenstellung: Schreibt so literarisch wie möglich. Was auch immer das heißen soll. Egal. Ich schreibe nicht, ich beobachte Frau Brode, wie sie ein superintelligentes Buch liest und dabei auf ihrem Brillenrahmen kaut. Sie ist eine ziemlich große Frau mit sehr dünnen, rissigen Lippen. Ihre Unterlippe hängt etwas lose herunter – ich habe gehört, sie hatte mal einen Schlaganfall. Ich finde Frau Brode ziemlich widerlich. Vor allem, wenn sie auf ihrem Brillenrahmen kaut. Sie merkt, dass ich sie anglotze und fragt: „Alles in Ordnung, Leander?“
Ich nicke.

Eine halbe Stunde ist vergangen und ich habe kein Wort geschrieben. Das Blatt ist leer, also das stimmt nicht ganz, ich habe ein paar Penisse an den Rand gemalt, aber später zerknülle ich das Blatt und hole ein leeres heraus, denn 1. sind die Penisse nicht gut gezeichnet und 2. gefällt mir die Idee besser, ein komplett leeres Blatt abzugeben, denn das setzt ein deutlicheres Statement.

Zugegeben: Es ist anstrengend, eine dreiviertel Stunde dumm rum zu sitzen und auf ein leeres Blatt zu starren, aber es lohnt sich, denn: Als Frau Brode die Aufsätze einsammelt weiß ich ganz genau, dass Janine darüber geschrieben hat, wie sie diesen Sunnyboy beim Zelten auf Brinkmanns Wiese kennen gelernt hat, mit dem sie auf dem Schulhof immer rummacht und wie der dicke Carlo beschreibt, dass er auf Taormina war und seine Oma ihm jeden Tag Bolognese mit Fleischklößchen so groß wie geballte Fäuste gekocht hat. Aber ich, ich habe kein Wort geschrieben, ich hab den Mund gehalten und dieser Gedanke macht mich stolz.

 

„Sie wollen ein intimes Geheimnis von mir wissen. Ich weigere mich und bekomme eine sechs. Klingt fair. Bei Saddam werden Leute deswegen gefoltert.“

 

Frau Brode schaut auf mein leeres Blatt.
„Was soll das denn, Leander?“
„Hab’ nichts erlebt.“
„Hältst du mich zum Narren?“
Allein diese Redewendung. Diese Frau liest viel zu viel.
„Nein, wirklich. Ich habe Zelda Ocarina of Time gezockt, war ein paar Mal im Schachclub und hab’ zum vierten Mal den Fänger gelesen. Darüber braucht man wohl nicht schreiben. Das finde ich sinnlos.“

Frau Brode schaut mich so böse an wie sie nur kann und das kann sie nicht wirklich gut. Es wirkt höchstens gruselig, weil ihre Unterlippe dann noch schiefer hängt. Sie sagt nichts, sammelt die anderen Aufsätze ein.
Es klingelt zur Pause, alle stehen auf, auch ich, aber da dreht sich Frau Brode um und sagt: „Du bleibst sitzen, Leander!“
Als alle raus sind, stellt sich Frau Brode zu mir an den Tisch. Sie kaut auf ihrem Brillenrahmen. „Du sollst einen Aufsatz über ein bewegendes Sommererlebnis schreiben.“
Ich nicke.


„Es geht nicht darum, dass es besonders außergewöhnlich ist. Wenn dich ein Picknick im Park oder ein Spaziergang mit Freunden bewegt hat, dann kannst du auch darüber schreiben.“

Ich nicke.
„Es geht mir darum, dass ihr lernt, euch auszudrücken. Sprachlich. Dich mitteilen zu können ist grundlegend für dein Leben. Wenn du dich nicht mitteilen kannst, werden andere dich nicht verstehen.“
Ich nicke. Schweige.
„Du wirst zu Hause einen Aufsatz schreiben, Leander. Wie alle anderen auch. Nächste Stunde ist Abgabe.“
„Und wenn ich nicht will?“
Frau Brode schaut kurz irritiert, dann streng. „Dann gebe ich dir eine sechs.“
„Klingt fair.“
„Wie bitte?“
„Sie wollen ein intimes Geheimnis von mir wissen. Ich weigere mich und bekomme eine sechs. Klingt fair. Bei Saddam werden Leute deswegen gefoltert.“
„Ich will doch kein intimes Geheimnis von dir erfahren.“
„Was denn sonst? Wie man besoffen Würstchen grillt, kann Ihnen Fabian oder Timo erzählen. So ‘n Scheiß interessiert weder mich noch sie. Also schreibe ich nicht darüber.“
„Achte auf deinen Ton!“
Ich schweige, ich habe bereits zu viel gesagt. Mir kitzelt kalter Schweiß unter den Achseln. Manche bekommen schwitzige Hände, fangen an zu zittern, ich hab’ immer bloß kalt-nasse Achselhöhlen. Furchtbar eklig.
„Geben Sie mir die sechs und gut.“
„Nein, Leander, das werde ich nicht tun“, sagt Frau Brode, geht zurück zu ihrem Lehrertisch, zieht einen Zettel aus der Schublade, füllt ihn aus, steckt ihn in einen Briefumschlag.
„Das ist ein blauer Brief. Ich möchte, dass du ihn deinen Eltern zeigst und zur nächsten Stunde unterschrieben mitbringst. Samt Aufsatz.“
Frau Brode bringt mir den Brief, ich stecke ihn wortlos in die Tasche und verlasse das Klassenzimmer.

 

Sie hasst die Welt, weil sie in ihr überfordert ist. Ich hasse die Welt, weil ich sie durchschaut habe und banal und langweilig finde. Das passt ganz gut zusammen, glaubte ich.

 

Am Schultor lauert mir Belli auf. Sie sieht ziemlich fertig aus. Ihre Augen verraten krassen Schlafmangel, den Belli wiederum versucht hat unter einer viel zu dicken Schicht Mascara zu verstecken. Sie hat dunkelbraune Augen und durch schwarzen Mascara und Lidschatten sieht es so aus, als hätte sie Knopfaugen wie Mickey Mouse.
„Deine Zeichnungen liegen noch bei mir. Ich will, dass du sie abholst.“
„Ich hab’ sie dir geschenkt.“
„Nein. Ich will sie nicht mehr. Hol’ sie bitte ab.“
Ich glaube, Belli steht überhaupt nicht auf meine Zeichnungen. Belli trägt schwarze Haare, Undercut, hört Nine Inch Nails. Ich glaube, dass sie denkt, ich und meine Zeichnungen würden ganz gut in ihren Lifestyle passen.

„Können wir uns nicht treffen und über alles reden?“, fragt sie.
Ich glaube, Belli denkt, sie müsse mich lieben. Ich mache ihr da keinen Vorwurf. Viele Mädchen denken, sie müssten den Typen lieben, der sie entjungfert hat. Ehrlich gesagt: Ich fand den Sex mit ihr anstrengend. Beim ersten Mal fühlte es sich nicht anders an, als würde ich mein Ding in eine Gießkanne stecken. Biegung nach fünf Zentimetern. Und ich dachte mir beim ersten Mal: Okay, das ist es also. Darüber reden alle. Wichsen macht mehr Spaß.
Wir hatten seither fünf Mal miteinander geschlafen, aber es wurde nie besser.
Was mich an ihr hielt? Keine Ahnung. Sie hasst die Welt, weil sie in ihr überfordert ist. Ich hasse die Welt, weil ich sie durchschaut habe und banal und langweilig finde. Das passt ganz gut zusammen, glaubte ich.

„Warum können wir nicht mehr reden, Leander?“ Sie greift mit der Hand nach meinem Gesicht, streichelt mir mit ihren schwarzlackierten Fingernägeln über die Wange. Ich zucke, ziehe den Kopf weg. „Was ist plötzlich mit dir passiert?“
Ich wende mich ab. Gehe einfach.
„Leander!“
Ohne ein Wort zu sagen.

 

Erfahren wie es weitergeht: Auf der Facebook-Seite von Dominik Grittner

 


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