Bildungsdebatte – Uns fehlt wohl die Wertschätzung

In den letzten Wochen ist es wieder ein wenig ruhiger geworden in der hitzigen Bildungsdebatte und dem verständlichen Aufschrei gegen die drastischen Kürzungen im Land. Dies mag durchaus differenzierte Ursachen haben, doch die Quintessenz bleibt: Die Forderungen und zukünftigen Maßnahmen werden die Qualität des Bildungsstandortes Sachsen-Anhalt nachträglich gefährden.

BildungsdebatteText: Andreas Lilienthal | Fotos: privat

Die Hochschulen im Land sollen bis 2019 insgesamt 24 Millionen Euro einsparen. Wissenschaftsminister Hartmut Möllring, setzte als ausgewiesener Finanzpolitiker rigoros den Rotstift an. Die Universitäten sind gezwungen zu handeln und mussten Pläne erarbeiten, wie sie die Einsparungen in den nächsten Jahren garantieren wollen. Laut dem aktuellen Hochschulentwicklungsplan der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg trifft es die Geisteswissenschaftler am stärksten. Am Institut für Geschichte beispielsweise sollen die Professuren Geschichte des Altertums und Geschichte der Neuzeit, Schwerpunkt Geschlechterforschung komplett entfallen. Wir haben uns über die prekäre Lage mit Sophie Hubbe (23), Master-Studentin der Europäischen Kulturgeschichte und wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Geschichte der Neuzeit (19.-21. Jahrhundert), unterhalten.

Was glaubst du persönlich, wieso die Landesregierung krampfhaft an ihrem Sparkurs festhält?
Ich denke, dass in vielen Bereichen gespart wird, aber im Bereich der Bildung habe ich hierfür kein Verständnis. Gerade ein Land wie Sachsen-Anhalt, wo das Durchschnittsalter bei ungefähr 47 Jahren liegt, darf nicht an den Stellen sparen, wo junge Menschen im Land gehalten oder aus anderen Bundesländern gewonnen werden.

Wie ist derzeit die Stimmung unter den Studenten, nach Bekanntgabe der beschlossenen Streichungen, insbesondere am Institut für Geschichte? Große Wut oder Resignation?
Die Stimmung ist gespalten. Zum einen herrscht eine große Enttäuschung und in gewisser Form auch Wut über die nicht vorhandene Wertschätzung der Arbeit des Geschichtsinstituts vor. Auf der anderen Seite arbeiten doch alle weiter und scheinen die bevorstehenden Kürzungsmaßnahmen mehr oder weniger zu ignorieren. Bzw. verdrängen wäre vielleicht das bessere Wort. Gerade für die neuen Studienanfänger, die mit großer Motivation und viel Spaß ihr Studium aufgenommen haben, tut es mir sehr leid. Doch gerade für sie versuchen wir, die Lehre auch die letzten Jahre noch so gut wie möglich zu gestalten.

Was spricht eigentlich gegen eine Ansiedlung eines Kompetenzzentrums für Geschichte an der Martin-Luther-Universität in Halle (Saale) und damit Bündelung der bisher dezentralisierten Geschichtsforschung in Sachsen-Anhalt?
Ich verstehe die Argumentation, dass unser Hochschulrektor vorschlägt, in Sachsen-Anhalt sogenannte Profiluniversitäten zu errichten. Die Nachfrage einzelner Studiengänge an der OVGU im geisteswissenschaftlichen Bereich sind zu marginal, als dass sich eine Fortführung finanziell lohnen würde. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob eine Landeshauptstadt, die sich als Kulturhauptstadt bewerben möchte und gerade im Bereich des Tourismus mit seiner mittelalterlichen Geschichte deutschlandweit wirbt, es sich leisten kann, ein Institut für Geschichte zu streichen? Ich bin mir sicher, dass die Stadt bald merken wird, was für eine Lücke sich hier zukünftig ergibt.

Trotz der vielen eingeschriebenen Studenten an der OVGU beteiligt sich an den Protesten nur eine verschwindend geringe Zahl von Studierenden? Woran liegt das?
Hier kann ich nur Mutmaßungen aufstellen. Vielleicht liegt es daran, dass nur ein verhältnismäßig geringer Teil der Studierenden wirklich von der Sparpolitik betroffen ist. Wir leben zudem nicht in einem Land wie Frankreich, wo die Protestkultur historisch bedingt eine ganz andere ist. Bei vielen herrscht vielleicht das Denken vor, warum soll ich für etwas auf die Straße gehen, was mich nicht unmittelbar betrifft. Dass es langfristig alle Studierende der OVGU betreffen wird, wenn die Fakultät für Humanwissenschaften nach und nach ganz ausgelagert wird, ist in den Köpfen noch nicht angekommen.

Hat die FAZ eventuell Recht, wenn sie die deutsche Studentenschaft als „Grottenolme am Badesee ohne Weltanschauung und Widerstand“ bezeichnet?
Das sehe ich nicht so. Die deutsche Studentenschaft kann sehr wohl Widerstand zeigen und tut dies auch. Ich erinnere mich an mein Studium an der Freien Universität in Berlin, wo Studierende mehrere Wochen über Weihnachten Hörsäle besetzt hielten, um gegen den Sparkurs der Uni zu protestieren. Dieser Widerstand ging so weit, dass nicht nur Rotkohl und Klöße an den Feiertagen im Hörsaal gekocht wurden sondern auch schließlich die Polizei die Besetzung räumen musste. Ich denke, es gibt regional starke Unterschiede, was die Protestbereitschaft von Studierenden angeht. Ebenfalls lassen sich hierbei große Unterschiede bei den Studienfächern ausmachen – sind Geisteswissenschaftlicher meistens viel protestbereiter, trifft man naturwissenschaftliche Studierende oder Ingenieure weniger demonstrierend auf der Straße.

 


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