Der erste Schritt ist einer zu viel.

Eine Geschichte von Ablehnung und Annäherung – der Streit um das Projekt 7 ist seit einigen Tagen das Thema schlechthin, nicht nur unter den Magdeburger Studenten. Unser Redakteur-Team Robert und Sarah wollten den Hintergründen und Ursachen auf den Grund gehen und trafen sich mit den Verantwortlichen des Projekt 7 e.V.

P7Text: Robert Meinel | Fotos: Fabian Benecke

Magdeburg | Es ist sicher keine Überraschung, dass auch in Magdeburg Lokale, Clubs und Kultur um die Existenz ringen und ihre Daseinsberechtigung gegenüber bürokratischen Strukturen verteidigen müssen. Kaum verblasst finden sich im Hinterkopf die Debatten rund um Lärmbelästigungen am Hasselbachplatz, Verordnungen und Auflagen bei kulturellen Großveranstaltungen und Machtkämpfe zwischen Kulturschaffenden.

Diesmal trifft es einen der wahrscheinlich bekanntesten und bewährtesten Clubs in Magdeburg. Einen, dessen Namen wohl nur wenige noch nicht gehört haben dürften. Einen, der in seiner strukturellen Einbindung anders aufgestellt ist, als die meisten in der städtischen Kulturlandschaft – das Projekt 7. Hervorgegangen ist die Einrichtung aus einer Initiative der Studierendenräte der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, sowie der Hochschule Magdeburg-Stendal in Kooperation mit dem Studentenwerk. Diese hatten die Vereinsgründung im Jahr 1999 vollzogen und damit den Grundstein für eine langjährige Arbeit vor allem auf dem Campus gelegt. Ziel war und ist es noch heute, studentische Kultur überhaupt zu ermöglichen und zu fördern. Von Lesungen, Proben des akademischen Orchesters und Quizabenden bis hin zu Theaterstücken und Konzerten ist das Programmspektrum des Studentenclubs breit aufgestellt und bietet vielfach die Gelegenheit einer Abendgestaltung jenseits von Fernseher und Wissenschaftsliteratur. Doch im Moment scheint es, als könnte schon sehr bald damit Schluss sein: der Ziehvater des Projekts, das Studentenwerk, befindet sich derzeit in einem Diskurs mit den ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern, der irgendwo zwischen Wirtschaftlichkeit, Bürokratie und Verärgerung stecken zu bleiben scheint. Wir wollen uns mit Vertretern beider Seiten treffen, um ein wenig Aufklärung im weiten Feld der Debatte zu liefern.

Es war bereits zu spüren, dass das Wasser bis zum Halse steht: Unterschriftenlisten kursierten in Seminaren; in Fakultätsgebäuden und Hörsälen finden sich noch immer Hinweiszettel mit unübersehbarem Schriftbild, die die Probleme des Projekt 7 verkünden sollen – eine Aktion, die in der Geschichte des Clubs bislang nicht zum Einsatz kommen musste und die Brisanz der Situation verdeutlicht. Die Club-Betreiber und der Studierendenrat sind sich bewusst, dass diese Angelegenheit Gehör bekommen muss und eine ruhige und einvernehmliche Lösungsfindung hier nicht zum erhofften Erfolg führte. Doch was sind es für Probleme, die die Vereinsarbeit derzeit bedrohen? – zunächst sollen Gesprächsinhalte mit Vertretern des Vereins Erklärungen liefern.

Dreh- und Angelpunkt dieser Angelegenheit ist ein neuer Nutzungsvertrag, der den Betrieb des Clubs erheblich beeinträchtigen würde. Er liegt dem Verein zwar bereits seit einem Jahr in dieser untragbaren Form vor, die Unterzeichnung allerdings wurde bislang heraus gezögert. So erklärt Matthias Fritsche, Mitglied des Vereins:

„Wir sollen – ausgehend vom Studentenwerk – einen Nutzungsvertrag unterschreiben, der uns insoweit einschränkt, dass wir aufgrund von scheinbar vorliegenden Lärmbeschwerden lediglich vier Veranstaltungen im Monat durchführen dürften, die länger als 0 Uhr andauern. Ansonsten ist uns weiterhin alles möglich, solange die Veranstaltung 23 Uhr endet.“

Dabei soll es aber nicht bleiben. Weiterhin fordere das Studentenwerk eine Einlassbeschränkung von maximal 98 Personen für alle Veranstaltungen. Dies ergebe sich aus sicherheitstechnischen Richtlinien, die die Räumlichkeiten des Projekt 7 offenbar nicht erfüllen. Infolge dessen zog das Vereins-Team das Bauordnungsamt zu Rate, das zwar Mängel feststellen konnte, gleichzeitig aber die Möglichkeit zur Beseitigung dieser bestätigte. Diese Möglichkeit kann der Verein nach eigener Aussage jedoch nicht wahrnehmen, da auch hierfür eine Genehmigung durch das Studentenwerk erfolgen muss, welche nicht vor Unterzeichnung des Vertrages gegeben werde. Und selbst wenn diese Mängel beseitigt werden könnten, wäre der Kreis noch nicht geschlossen: der Antrag zur Weiternutzung der Räumlichkeiten durch den Verein Projekt 7 e.V. könne nur vom Studentenwerk gestellt werden und dieses fordere im Gegenzug wiederum die Unterzeichnung des neuen Nutzungsvertrages in seiner aktuellen Form. Aber nicht nur das, auch die Kompromissbereitschaft scheint zu fehlen.

„Es gab in einer Mitgliederversammlung des Projekt 7 bereits ein öffentliches Gespräch mit einer Vertreterin des Studentenwerks. Dabei kam die Frage auf, ob eine Freigabe des Bauordnungsamtes für mehr als 98 Personen nach einer Anpassung der Räumlichkeiten dann die Sache vom Tisch bringen würde. Als Antwort bekamen wir ein Nein, da das Studentenwerk es nicht wolle, auch wenn die Bausubstanz etwas derartiges hergibt.“, erklärt Linda, Mitglied des Vereins.

Nun möge der Eindruck entstehen, es handle sich hier um ein sehr einseitiges Machtverhältnis, das eine Alternative komplett verhindert. Und tatsächlich: der Schraubstock zieht sich immer fester, betrachtet man die Schließung der unteren Clubetage seit dem 25.01.2013 und die Maßgabe, in der oberen Etage nur noch bis Ende Februar Veranstaltungen durchführen zu dürfen, so der neue Vertrag bis dahin nicht unterschrieben ist. Die Deckung laufender Kosten sei mit einer Vorgabe wie der vertraglich festgeschriebenen Begrenzung von vier großen Veranstaltungen mit maximal 98 Personen jedoch nicht zu stämmen, so der Verein.

Auch auf die Frage, was denn gegen eine mögliche Lärmbelästigung getan werde, haben die Ehrenamtlichen eine Antwort. „Selbst in Situationen, in denen die Polizei da gewesen ist, haben Messungen keine Grenzwertüberschreitung ergeben, eine Belästigung bestand demnach nie.“, beteuert Matthias. Dennoch wurden aus Rücksicht Maßnahmen ergriffen, wie die Verlegung des Eingangsbereiches in den Hintereingang des Projekt 7 und der Umbau der gesamten Kelleretage. Auch wurde über Versöhnung mit den „Belästigten“ diskutiert:

„Wir haben dem Studentenwerk bereits eine Kooperation angeboten, bei der die Bewohner des angrenzenden Studentenwohnheims eine Dauerkarte bekommen und somit die Chance haben Teil einer Veranstaltung zu werden, anstatt davon gestört zu werden. Zudem konnte man uns bis zum heutigen Tage keinen Nachweis für eine Lärmbeschwerde erbringen, lediglich eine Umfrage des Studierendenrates – der uns bei allem sehr unterstützt, bspw. mit den Unterschriftenlisten – im betreffenden Wohnheim ergab, dass ein oder zwei Leute sagten, sie seien vom Projekt 7 genervt, da es zu laut sei. Das jedoch ist der Aufhänger der ganzen Sache.“, so Linda.

Die FraktionDas Projekt 7 hat bei den Verantwortlichen des Studentenwerks aber keineswegs die weiße Weste, was die Verhandlungen zusätzlich erschwert. Im Moment bestehen noch Schulden, da die vergangenen Nebenkostenabrechnungen nicht vollständig gedeckt sind. Eine Begründung suchen die Betreiber des Clubs darin, dass die Pauschalbeträge für Nebenkosten des kompletten Wohnheims nicht die tatsächlichen Kosten der Bewohner deckten und der daraus entstehende Überhang auf die Kosten des Projekt 7 addiert wurde. Mittlerweile fand eine Anpassung der Abrechnung statt: durch die zählergenaue Abrechnung, für die die Vereinsmitglieder seit längerem kämpften, sei hier eine Halbierung der monatlichen Kosten erkennbar und somit der Weg zur Schuldenfreiheit geebnet.

Die Vorstandsmitglieder räumen ein, dass sie bei den Verhandlungen um den Mietvertrag eine ganze Weile zu passiv waren:
„Wir haben es auch sehr lange schleifen lassen mit dem Mietvertrag, nicht zuletzt weil der Vertrag diverse Mängel aufweist – fehlende Anhänge, Rechtschreibfehler, inhaltliche Dinge – die Situation ist teilweise desaströs, wenn man das als öffentliche Einrichtung ansieht, was einem da an Vertragsgegenständen übergeben wird.“, so Matthias.

Der Vorstand, der zum Zeitpunkt der Einreichung des Neu-Vertrages beauftragt war, habe sich über diesen juristische Meinungen einholen wollen, dies aber versäumt, wodurch eine Teilschuld des Vereins an der akuten Situation durchaus anzukreiden sei. Hier müsse man aber ebenso sehen, dass derartige Maßnahmen nicht zuletzt viel Zeit und Geld in Anspruch nehmen, was einer schnellen Lösung nicht zuträglich gewesen wäre.

Es ist leicht zu erkennen, dass die Belegschaft des Vereins zu einer Einigung mit dem Studentenwerk bereit sei. Die Kompromissbereitschaft sei sehr hoch, vor allem wenn es darum geht, Veranstaltungen öfter zu ermöglichen und vor allem die Besucherzahlen nicht so massiv einzuschränken.
Die Ratlosigkeit hingegen ist mindestens ebenso groß. Ein Club in dem die Mitarbeiter ehrenamtlich arbeiten, der keine Veranstaltungen mehr durchführen darf, trotzdem laufende Kosten bewältigen muss und zudem noch mit derartigen Hürden zu kämpfen hat, sprießt in so einer Situation nicht vor Motivation. Der Kampf gegen Windmühlen, die Aufgabe alles parallel weiterhin bewältigen zu müssen, schmälert das Engagement der Mitarbeiter, die Kultur Magdeburgs weiter zu fördern. Unmut trifft vor allem auch die Argumentationsstruktur der Gegenseite:

„Ich hätte ein bisschen mehr erwartet als ein >>Nein, das mache ich nicht!< < als Reaktion auf die Statements der Projekt 7-Mitarbeiter.“, so Linda. Matthias räumt Verständnis für die andere Seite ein: „Naja gut, wie fühlt man sich wohl, wenn man allein vor 50 Leuten sitzt, die gegen einen sind“.

Das Verständnis in Hinblick auf die schwierige Kommunikation beider Seiten ist also vorhanden, dennoch hilft es in dem Prozess nicht weiter.
Die Fragen, die sich in all dem aufdrängen, wären so offensichtlich wie einfach zu beantworten: Was hat eine Einrichtung wie das Studentenwerk für ein Interesse daran, eine unkommerziell agierende Kulturstätte wie das Projekt 7 einzuschränken? Sind es nicht auch universitäre Stellen, die davon profitieren? Was geschieht mit den wöchentlichen Proben des akademischen Orchesters, den Theatergruppen der Universität, den IKUS-Filmprojekten, wenn das Projekt 7 nicht mehr durch unentgeltliches Engagement am Leben gehalten wird? Wird das Campusleben nicht einen erheblichen Einschnitt erleben, falls das Projekt 7 als vornehmlich von Studenten besuchter Club nicht mehr arbeiten kann? Können Clubs wie die Baracke oder die Festung wirklich als ernsthafte Alternative in Frage kommen?

Die Folgen sind überschaubar: Die Vereinsarbeit steht in Frage, die Existenz des Clubs steht in Frage, damit stehen alle folgenden Projekte vorerst in Frage. Magdeburg kann sich darauf vorbereiten, dass es in nächster Zeit ein gutes Stück weit weniger Kultur geben wird, vor allem für Liebhaber von Studentenpartys, sympathischen Live-Konzerten, Theateraufführungen, Lesungen, Spiele-Abenden, Übertragungen großer Events und nicht zuletzt Projekten, die im Rest der Stadt stattfinden und zum Teil auch von Mitarbeitern des Projekt 7 getragen werden.

Die Entscheidung zum vorläufigen Ende des Projekt 7 bedarf einer ausführlichen Begründung, die wohl niemand besser geben kann, als das Studentenwerk selbst. Vielleicht bedarf es auf dem Campus einer wirtschaftlich ertragreichen Quelle, die mit einem Verein, der am Jahresende einen Saldo von Null haben soll, natürlich nicht vereinbar ist. Vielleicht bedarf es Raum für andere Konzepte, die in einer Schublade des Studentenwerks schlummern. Vielleicht bedarf es mehr Kontrolle und einer Ermahnung jener, die sich im Projekt engagieren, dass sie sich immer noch im Rahmen einer Institution bewegen, die sie an erster Stelle zu bedienen haben. Vielleicht bedarf es mehr Umsichtigkeit dafür, dass dieses Projekt zu einem Großteil selbstverwaltet arbeitet und sich um wichtige Genehmigungen, Problemlösungen und Organisatorisches außerhalb des Zuständigkeitsbereiches aus eigenem Antrieb kümmert. Vielleicht bedarf es auch einfach nur ein bisschen Zeit und mehr Aufmerksamkeit, bis die Bedeutung einer in Magdeburg so wichtig gewordenen Kulturstätte verstanden wird. Vielleicht bedarf es aber auch solcher Aktionen, um die „kulturelle Fluktuation“ aufrecht zu erhalten und Magdeburg durch derartige Rückschritte als dynamischste Stadt Deutschlands zu handeln. Stabilität, vor allem da wo sie gebraucht wird, kann dabei durchaus hinderlich sein.

Die Interviewanfrage an das Studentenwerk ist bislang noch nicht beantwortet worden. Wir hoffen aber, dass wir bald auch diese Seite mittels offener Fragen zu offenen Antworten bewegen können. Wer legt schon seinem Kind Steine in den Weg, nur weil es eigenständig zu laufen vermag?


 


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2 Responses

  1. Bernd das Brot sagt:

    VIelleicht bedarf es einfach auch mal der Selbstreflektion der Vereinsmitglieder dieser Runde, warum seit Jahren ehemalige Mitglieder reihenweise ausgestiegen sind, neue Ideen teilweise massiv tropediert wurden und es soviel Diskrepanz innerhalb des Vereins selbst gab.

    Selbst aus völlig unbeteiligter bekommt man das in der Clubszene mit und schüttel den Kopf. Vielleicht sollte man mal überliegen weshalb das Studentenwerk seit Jahren Geld in das Objekt pulvert und hinterher das fette Minus da steht. Das hat nichts mit Stromrechnungen oder dergleichen zu tun. Das P7 von früher gibs schon lange nicht mehr, die Parties sind ein Scheissdreck, von Konzerten ganz zu schweigen. Wirklich lukrative Gigs sucht man vergebens, wo es früher zu hauf Angebote gab aus allen Genres der Musik gab. Studenten meiden den Laden mittlerweile u.a. auch weil er preislich gesehn auch ne Bar am Hassel, statt ein studentenfreundlicher Laden ist. Der Verein sollte nich die Schuld beim gänzlich beim Werk suchen, sondern sich ganz gehörig an die eigene Nase fassen mit ihrem ges. konzept, dass das Ding finanziell so an die Wand gefahren wurde. Just my 2 Cents.

  2. Mattheo sagt:

    Das so ein Kommentar von einer schlecht gelaunten sprechenden Teigware kommt war zu erwarten. Die Hefe in deinem Teig scheint trotzdem nicht gänzlich unbeteiligt zu sein, denn mir stellt sich die Frage woher jetzt Informationen wie Mitgliederschwund oder fettes Minus kommen, die im hier angezeigten Problem nicht relevant und obendrein auch falsch recherchiert sind.

    Ein aufmerksamer Leser erfährt auch nach einigen Minuten unterhaltsamer Lesezeit, dass der Verein sich ebenfalls Fehler zugesteht und Kompromisse gesucht, jedoch nicht erwiedert werden.

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