Ein Spiel ohne Regeln

In der ersten „Werkstatt“ im Magdeburger Schauspielhaus wird ein Spiel mit Opfern gespielt. Juli Zehs Roman „Spieltrieb“ diente als Vorlage für die Erkundung einer Welt ohne Moral.

SpielbetriebText: Daniel Jakubowski   Fotos: Holger Radke

Magdeburg| Die leere Turnhalle liegt vor den Zuschauern (Bühne Marco Brehme). Hinten die Kletterleitern, vorne die Kästen und Böcke sowie die Bodenturnmatte. Später wird dieser Ort zum zentralen Schauplatz der Szene – er steht stellvertretend für die Geschichte um zwei Pubertierende, die irgendwann aus dem Ruder gelaufen ist.

Es ist schwer zu sagen, was die Handlung des ungemein vielschichtigen Romans von Juli Zeh ausmacht. Als Leser begegnet man den Figuren aus „Spieltrieb“ mit einer ambivalenten Neugier. Angela Mund hat Grundmotive und das wesentliche Handlungsgerüst des Romans als Die Welt nach Ada auf die Bühne gebracht. Womit die Inszenierung überzeugt, sind vor allem die bizarr agierenden Charaktere, das emotionale Auf und Ab des Lehrers Smutek, die kalte Berechnung von Alev, die stoische Gleichgültigkeit Adas.

Ada ist 15, geht auf ein Privatgymnasium und ist offensichtlich überdurchschnittlich intelligent. Dafür wird sie von ihren Mitschülern verachtet und sogar misshandelt. Ihre Eltern sind getrennt und ihr Vater kommt seinen Unterhaltszahlungen nicht nach. Mit dem jungen Alev Alkmar verändert sich Adas Leben mit einem Mal grundlegend. Alev ist impotent und somit in erotischer Hinsicht keine Option für Ada. Seine Art allerdings fasziniert sie und zusammen beschließen sie, Smutek zu erpressen – mit Sex. Alev filmt den Lehrer beim Akt mit seiner Schülerin und setzt ihn mit den Bildern unter Druck. Um nicht aufzufliegen, macht Smutek das folgende Katz-und-Maus-Spiel mit. Bis er eines Tages ausrastet und der Fall vor Gericht landet.

Nachdem der intellektuelle Schlagabtausch zwischen Ada und Alev dargestellt wurde, kommt die Inszenierung ziemlich schnell zum Punkt. Das Geschehen um die Sex-Erpressung wird in den Fokus gerückt, Smuteks wachsende Verzweiflung nimmt immer mehr Raum ein. Smuteks Frau (Birte Sosna) und Adas Mutter (Vanessa Jandt) sind dabei zwar Nebenfiguren, stellen aber entscheidende Symptomträger dar. Denn hier müssen immer mehrere Ebenen zugleich gedacht werden: Die Migrationsproblematik des Ehepaars Smutek, die familiäre Verwahrlosung Adas, die strikte Ordnung in der Schule.

FrankensteinLeider ist Sophie Tefikow die Rolle der Ada etwas zu groß. Sie zeigt die Wut, aber nicht den perversen Gleichmut der Figur. Max Nehrig steht ihr als aalglatter Alev zur Seite. Zusammen schaffen es die beiden, die Schule und den Unterricht in den Hintergrund rücken zu lassen. Sie nehmen den gesamten Platz für ihr „Spiel“ ein – immer vor dem Hintergrund extrem rationaler Theorien. Smutek (Tobias Hübsch) wird von den beiden Schülern in ständiger Atemlosigkeit durch das Geschehen getrieben. Am Ende verliert er die Beherrschung, wird aber vor Gericht frei gesprochen – „eine arme Sau“.

Die erste „Werkstatt“ des Theaters Magdeburg hat sich mit Juli Zehs Spieltrieb als Vorlage für Die Welt nach Ada ein unheimlich hohes Ziel gesetzt. Die Inszenierung zeigt, dass die Frage nicht unbedingt lauten kann, wie, sondern eher ob man die Figur der Ada auf die Bühne bringen kann. Doch das Gefühl ist zu spüren: Das Gefühl, sich inmitten einer Katastrophe wiederzufinden, ohne Ausweg und ohne Lösung. Wenn alle Moral fallen gelassen wird, wenn es keine Regeln gibt und nur der Trieb regiert, wenn es nichts gibt, woran man sich festhalten könnte, dann wird es schwierig für den menschlichen Verstand, diese Situation zu begreifen.



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