Ios Passion – ein skurriles Mäh…Mäh…Mäh-rchen!

Am 7. April führte das Schauspielhaus Magdeburg erstmals Harrison Birtwistles Kammeroper Ios Passion in deutscher Sprache auf. Eine Herausforderung, der sich das Schauspielhaus Magdeburg mutig stellte – erfolgreich?

SpielbetriebText: Laura Kapitza   Fotos: Nilz Böhme

Magdeburg| Der Beginn erinnert an eine dramatische Romanze: Ein Mann (Roland Fenes) und eine Frau (Michaela Winterstein) gehen eine leidenschaftliche Liason ein. Der Mann schreibt ihr täglich, will mehr von ihr. Sie sträubt sich jedoch, zieht sich zurück und flüchtet in ein Buch über die Sage der Io (Ute Bachmaier): Zeus (Axel Strothmann) verführte die schöne Io, die er aus Schutz vor seiner eifersüchtigen Ehefrau Hera in eine weiße Kuh verwandelte. Hera (Teresa Sedlmair) aber durchschaute den Trick und bestrafte Io, indem sie eine Rinderbremse auf die Verwandelte hetzte, die Io überall verfolgte. Der Mythos fesselt die Frau so stark, dass er Bestandteil ihrer Träume wird.

Anfangs sind die Linien zwischen Realität und Traumwelt der Frau noch klar zu erkennen, da ihr Alltagsleben von Wiederholungen und Ritualen geprägt ist. Die zwei Welten finden sich auch in der Kulisse wieder, die die nebeneinander stehenden Außen- und Innenfassaden des Hauses – in der die Protagonistin wohnt – darstellen. Doch die Linien verblassen im Laufe des Stückes, so dass es dem Publikum schwer fällt, die Phantasie des Fräuleins von ihrem realen Leben zu trennen. Dadurch ertappt sich der Zuschauer, wie er irritiert von der einen Hausseite zur anderen schaut, um herauszufinden, in welcher Welt sich das Schauspiel abspielt. Doch durch den wechselnden Rollentausch zwischen den Darstellern scheitert der Beobachter bei seiner Detektivarbeit: Teilten sich Winterstein und Sedlmair am Anfang noch die Rolle der Protagonistin, so präsentiert sich die Schauspielerin als Hera, während die Sängerin den anderen Part übernimmt.

Harrison Birtwistle hat bei seinem Werk den Schwerpunkt auf die formale Gestaltung der einzelnen Szenen und weniger auf das Erzählte gesetzt und lässt dem Beobachter somit die Möglichkeit, sich aus dem vielseitigen Deutungspuzzle ein Bild von dem zu machen, was zwischen dem Liebespaar abspielte, über was sie in ihren Briefverkehr schreiben und wie es mit den beiden weitergeht. So verwundert es nicht, dass die Inhalte der Lieder und dem Gesprochenem nicht vom Stuhl hauen.

Diese Gewichtung nahm sich auch Christian Poewe für die Übersetzung des Librettos vor. Für ihn war es wichtig, dass die Reime des Gesprochenen, die melodische Struktur des Gesangs beibehalten werden – auf Kosten des Inhalts, der an manchen Passagen nicht exakt, sondern sinngemäß wiedergegeben wird. Dies ist ihm recht gut gelungen und er rettete einigen Anspielungen und Wortwitzen wie „mäh…mäh…mäh-rchenhaft“, der Ausruf des als Schaf verkleideten Zeus, das Leben.

FrankensteinBei „Ios Passion“ erwartet den Zuschauer eine skurrile und verrückte Aufführung. Anfangs ist es nicht jedermanns Geschmack, sorgt das Geschehen in den ersten Szenen für Skepsis. Denn bei diesem Stück wartet man vergebens, dass man durch die Szenerie geführt wird und Antworten erhält, z.B. wohin Io abends nach dem Zurechtmachen hingegangen ist. Eher wird der Zuschauer gezwungen, sich auf das abgehobene Stück einzulassen. Das taten die Besucher und eine Lockerheit wurde in den Reihen spürbar: Man traute sich zu lachen, zu rätseln, was wohl der eine Darsteller nun darstellt oder was die Dame gerade auf dem Briefpapier schreibt. Aus den passiven Beobachtern werden aktive Ermittler: So standen am Ende der Vorstellung nicht wenige Gäste zusammen, die darüber grübelten, wie die Geschichte wohl weitergeht. So ist verständlich, dass sich die Gedanken des Theatergängers beim Verlassen des Schauspielhauses immer noch um die Aufführung drehen und man versucht, die ganze Geschichte über die Protagonisten zu rekonstruieren.

Weitere Aufführungstermine findet ihr auf der Internetseite des Theater Magdeburg.



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