So ein garst‘ger, garst‘ger Struwwelpeter…

Skurril-groteskes ‚Puppentheater‘ mit schaurig schönen Balladen: Am 13. Oktober feierte Phelim McDermotts, Julian Crouchs und Martyn Jacques‘ Struwwelpeter (Shockheaded Peter) im Magdeburger Schauspielhaus Premiere.

SpielbetriebText: Julia Baron Fotos: Nilz Böhme

Magdeburg|Das 1844 entstandene Kinderbuch Der Struwwelpeter ist sicherlich noch aus den Kindertagen bekannt – inklusive der schlaflosen Nächte. Dass Hoffmanns Geschichten durchaus humoristischen Charakter haben und als Karikatur auf die strengen bürgerlichen Normen der Zeit zu verstehen sind, dürfte den meisten in ihren jungen Jahren wohl eher entgangen sein. Wer sich beim Besuch des Grusicals Shockheaded Peter auf die Wiederbelebung seiner Kindheitstraumata gefasst macht, kann sich bereits beim Anblick des Bühnenbilds in Sicherheit wiegen.

Kathrin Krumbeins Bühnenkonzeption kommt mit wenigen Requisiten aus, wirkt jedoch durch die Intensität der verwendeten Elementarfarben umso eindringlicher. Der gesamte Boden der Bühne ist mit einem grün gestreiften Teppich ausgelegt, der in drei Teilen mobil einsetzbar und, wie später von einem der Darsteller bewiesen wird, im Notfall auch ausgezeichnet als Versteck geeignet ist. Die verbleibenden Requisiten bilden einen Rahmen um die Bühne herum. Auf der linken Seite befindet sich eine gelbe Parkbank aus Holz, auf der rechten Seite die von den Darstellern verwendeten Musikinstrumente und im Hintergrund die Aufsteller zweier Spielzeugsoldaten. Im Zusammenspiel mit der Farbgebung entsteht hier der Eindruck einer karg eingerichteten Puppenstube. Ein schon fast überfreundliches Bild, das an die bunten DEFA Märchenverfilmungen erinnert.

Dieser Gedanke verschwindet jedoch mit einem Blick auf das Ensemble. Vor dem eigentlichen Beginn des Stücks wartet die Darstellerin Iris Albrecht, am Daumen nuckelnd, auf die Zuschauer. Gekleidet in einem schrillen, pinken Kostüm, das durch Ballonärmel und Korsett an den Kleidungstil des Biedermeier erinnert, allerdings alles andere als konservativ wirkt. Dies liegt nicht nur am bunten Unterkleid und den knalligen Schuhen, sondern vornehmlich an der grünen Perücke und dem mit roten Flecken versehenen Gesicht. Ein skurriler Anblick, der wenige Minuten später, von sieben weiteren Darstellern im gleichen Aufzug, auf seinen Höhepunkt getrieben wird. Da stehen sie nun in Reih und Glied, acht kunterbunte Gestalten mit fleckigen Gesichtern und bizarren Frisuren. Bei der Öffnung einer Puppenkiste würde sicherlich Ähnliches zu Tage treten. Vielleicht nimmt man den Darstellern gerade deshalb so sehr ab, dass hier keine Erwachsenen die Bühne beleben sollen, sondern kindliche Gestalten charakterisiert werden – jede auf ihre eigene Art etwas sonderbar. Konstantin Marsch spricht in seiner Rolle ein ständiges denglisches Wirrwarr (wohl in Anlehnung an McDermott und Co.) und Andreas Guglielmetti erzählt mit übermäßig viel Liebe zum Detail Geschichten, die am Ende doch keinen seiner Freunde interessieren.

FrankensteinGemeinsam besingen sie nun alle die Geschichten der bösen Kinder. Beginnend mit der Struwwelpeter-Ouvertüre, die das klägliche Schicksal eines Elternpaares behandelt, welches sich wohl oder übel mit einem garstigen, struwweligen Balg zufrieden geben muss. Doch die Verantwortung mahnt zur elterlichen Liebe. Letztlich sind sie doch froh, keinen bösen Friedrich oder zappelnden Philipp im Haus zu haben. Nacheinander werden alle Kinder aus Hoffmanns Buch mit schwungvollen Liedern bedacht, die fast vergessen lassen welch bitterböse Schicksale auf die Kinder warten. Denn allen bösen Kindern ergeht es schlecht und jenen des Shockheaded Peter besonders – kein einziges bleibt am Leben.

Die musikalische Vorlage hierfür bieten die Lieder der Tiger Lillies, die mit viel Esprit von den Darstellern gespielt und gesungen werden. Mit einem fröhlichen Lächeln im Gesicht und den dynamischen Klängen der schaurigen Balladen, wird das Publikum beschwingt auf die makabren Pointen gelenkt. An einigen Stellen fast schon beißend brutal und doch immer amüsant. Ob nun das kleine Paulinchen zu Asche zerfällt oder der Suppen-Kaspar schlichtweg verhungert, der schwarze Humor mit dem die Geschichten und Lieder wiedergegeben werden, trifft den Geschmack des Publikums.

Zwischen den Liedern stellen die Akteure eine Kinderschar dar, die scheinbar selbst nicht genau weiß, was sie mit sich anfangen soll, hin und hergerissen zwischen ständiger Ermahnung zur Selbstdisziplin und infantilem Gebaren. Im ersten Moment stehen sie stramm und steif in einer Reihe und achten akkurat auf ihre Hackordnung, im nächsten mimt Luise Audersch, mit ihren Brüsten als Kanonen und der dazugehörigen Geräuschkulisse, ein überaus authentisches Kriegsszenario. Wird die kindliche Neugier in ihren Grenzen überschritten, maßregeln sich die Kinder untereinander, denn eine Autoritätsperson gibt es hier nicht. Und doch fragen alle: „Wer ist denn nun der Vater?“

Rocken am Brocken - BaruMit einer Ernsthaftigkeit, die kein zweites Mal im ganzen Stück vorkommt, wird in einer der Zwischenszenen ein Grimm’sches Märchen vorgetragen. Plötzlich wird es ganz still auf der Bühne, das Licht wird gedimmt und alle Aufmerksamkeit richtet sich auf Iris Albrecht. Völlig ruhig und gefasst sitzt sie auf der gelben Bank und erzählt, ganz wie die Mutter dem Kinde, das Märchen vom eigensinnigen Kind. Dieses kommt in seinem Grabe nur dann zur Ruhe, wenn es von der Mutter mit einer Rute geschlagen wird. Ist es das, was die Kinder wollen, mehr Maßregelung? Ist es vielleicht das, wonach sie sich sehnen, ein wenig mehr Autorität, jemand der die Ordnung erhält? Welche Botschaft die Kinder damit versuchen nach außen zu tragen, wird nicht ganz deutlich. Und dennoch, irgendwie verlassen wirken diese absonderlichen Gestalten dort auf der Bühne. Am Ende suchen sie womöglich nur nach jemandem, der ihnen das Erwachsensein abnimmt und sie ganz Kinder sein lässt.

Letztlich wirkt die Inszenierung von Albrecht Hirche etwas unstrukturiert, was der Qualität des Stücks jedoch keinen Abbruch tut. Vielmehr gliedert sich die stellenweise Undurchsichtigkeit wunderbar in das ohnehin völlig skurrile Stück ein und macht es noch ein Stück unterhaltsamer. Im Gegensatz zu Hoffmanns Buchvorlage wirkt der Shockheaded Peter keineswegs düster, so wie das Etikett „Grusical“ vermuten lässt. Es lässt sich jedoch nicht bestreiten, dass das Stück in seiner Gesamtheit eine durchaus unheimliche Stimmung verbreitet. Dies liegt vor allem an den bizarren Gestalten, die von der Bühne herabschauen. Das wird spätestens dann bewusst, wenn dem Publikum das Grabeskreuz des Suppen-Kaspars präsentiert wird und eine gewisse Boshaftigkeit in den Gesichtern der Darsteller kaum zu verkennen ist. Doch übel ist es ihnen nicht zu nehmen, weshalb auch – kann sich das Publikum doch selbst kaum das Lachen verkneifen. Das Zusammenspiel der absurden Musik, des beißend schwarzen Humors und der lächerlich grotesken Erscheinung des starken Schauspielensembles ist in jedem Fall Garant für eine gelungene Vorstellung.


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