Die Maßlosigkeit im Menschlichen

Dostojewskijs „Der Spieler“ feiert Premiere im Theater Magdeburg

Der SpielerText: Isabell Redelstorff, Fotos: Nilz Boehme

Magdeburg| Es ist eine persönliche Geschichte und doch erzählt sie von der menschlichen (Sehn)-Sucht, von dem Drang immer noch einen wagemütigen Schritt nach dem anderen zu tätigen. Fjodor M. Dostojewskij schrieb „Der Spieler“ und verpasste ihm eine autobiografische Note mit seiner Liebe, seiner Flucht und dem schleichenden Verfall in eine wahnwitzige Welt, die weder Rettung noch Geborgenheit bietet. Der Mensch, so scheint es, gibt sich nur zu gerne dem Chaos und der Selbstzerstörung hin, um am Ende doch durch die Liebe gerettet werden zu wollen.

Die Biografie Dostojewskijs ist in diesem Werk mehr offensichtlich als unterschwellig verarbeitet und diesen Umstand nutzte Regisseur Jan Jochymski bei seiner Inszenierung „Der Spieler“ in kunstvollem Maße aus.

Zwei Geschichten erzählen von Qual und Hoffnung der einfachen menschlichen Triebe. Einerseits vermittelt Dostojewskij mit seiner Stenografin Anna Snitkina sein Leid und lässt der erdachten Figur Alexej Iwanowitsch den Kampf seiner inneren Dämonen ausfechten. Denn alles, was der Autor nicht mehr tragen kann, wird nun von seinem literarischen Produkt gehalten und verloren. Dabei geht es letztendlich nur um ihn selbst, seiner Rettung aus einem Strudel von Selbstaufgabe, um am Ende eines stillen Moments doch wieder die Selbsterhaltung suchen zu wollen, meist aus dem Funken einer reinen Liebe heraus.

Alexje liebt Polina, mehr noch: Er unterwirft sich ihr, untergräbt seine Person und gibt sich einer Sucht hin. In „Der Spieler“ wird ein Roulettespiel metaphorisch als eigennütziges Spiel mit menschlichen Emotionen eingesetzt. Letztendlich regieren Manipulation und Egoismus, welche sich im weiteren Verlauf als undankbare – mehr noch – als verächtliche Begleiter für die eigene Suche nach dem ganz großen Glück erweisen.

Der SpielerJan Jochymski geht dabei ganz behutsam vor, er tastet sich langsam an die menschlichen Abgründe hinter einer bunter Fassade heran und lässt sie am tiefsten Punkt in einer nackten Selbsterniedrigung den eigenen Ekel entdecken. Doch auch während dieser Dramatik erklingt ein zarter Ausruf von Hoffnung und einzig wichtig ist nun die Frage: Muss Alexje der Selbstzerstörung erliegen, dass Dostojewskij seine Rettung findet? In Zwiegesprächen mit sich selbst tritt der Autor in seinem Roman als Mr. Astley auf und schafft in seiner inneren Zerrissenheit den Austausch seiner Romanfigur Alexje mit seiner selbst.

Ohne Scham wird der Zuschauer Zeuge eines eitellosen Schauspiels. Mit einer kraftvollen Körperlichkeit kämpfen sich Bastian Reiber und Luise Audersch von emotionaler Brutalität gegeneinander in eine zerbrechliche Zurschaustellung ihrer Figuren. Während zu Beginn noch alle in ihren selbsterdachten Persönlichkeiten verweilen, stehen sie am Ende mit herunter gelassenen Hosen dar, mit ihrer Schamhaftigkeit – endblößt von ihrem eigenen Makel, den sie doch so lange versucht haben zu verbergen aber der sich in ihrem Selbstbetrug letztendlich nicht mehr verstecken lässt. Dostojewskij liebt wieder, er findet in seiner Anna den Ruhepunkt und doch endet das Theaterstück nicht mit der gewünschten Einsicht. Alexje trifft den Autor am Roulettetisch.

Ungeachtet dessen malt Regisseur Jan Jochymski die Silhouette eines Mannes, der in seiner Komplexität die Schriftform zur Selbsttherapie und als Reflexionsfundament gebraucht.
Ein Spiel, das den Zuschauer zwischendurch auch ausbrechen lässt in einem zankhaftem Witz, um vor Anstrengung nicht die Leichtigkeit zu vergessen.


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