Brecht funktioniert (leider?) immer!

Doppelte Premiere: Bertolt Brechts Dreigroschenoper feierte am 10. Februar ihren Einstand auch als erste Musiktheaterproduktion unter der Leitung von Schauspieldirektor Jan Jochymski im Opernhaus.

FrankensteinText: Daniel Jakubowski   Fotos: Nilz Böhme

Magdeburg| Wenn die Zuschauer nach der Vorstellung der Dreigroschenoper an der Garderobe stehen und murmeln, dass „stimmlich-gesanglich ja noch Luft nach oben“ gewesen wäre, lässt sich das vermutlich als Erfolg auf ganzer Linie werten. Denn die Oper, die so günstig sein soll, dass auch Bettler sie sich leisten können, benötigt Ecken und Kanten. Sie entfaltet ihren Charme erst dann, wenn die Töne zwischendurch daneben gehen. Die musikalische Leiterin Maria Hinze trifft nicht nur die richtigen Töne, sondern fügt sich auch perfekt in den Rhythmus des Schauspiels ein.

Der Inhalt ist schon fast austauschbar: Heller Aufruhr herrscht im Hause Peachum, als Jonathan Jeremiah und Celia von der Hochzeit ihrer Tochter Polly mit dem stadtweit wohl größten Gauner überhaupt erfahren: Macheath, genannt Mackie Messer. Dessen Erfolg stützt sich nicht zuletzt auf seine langjährige Freundschaft mit dem obersten Polizeichef Brown. Doch nach den Heiratsfeierlichkeiten im Kreise seiner Gangsterkollegen wird Mac gleich mehrfach verraten. Tiger Brown unter Druck von Mr. Peachum, die Huren verführt durch das Geld. Scheinbar kann die Stadt endlich aufatmen, Macheath wird gefangen gesetzt und soll schon bald am Galgen baumeln.

Ähnlicher Nebenschauplatz ist die geschickt gestaltete Bühne (Christiane Hercher): Der Ort des Geschehens ist modular aufgebaut, ein Schrank, einige Treppen und verstreute Möbelstücke, eine Wendeltreppe als Gefängniszelle. Je nach Szene werden die Elemente kombiniert, die Bühne verschiebt sich in verschiedene Höhenebenen.

Jan Jochymski schafft es, seine Charaktere teilweise durch bewusste Überzeichnung oder Ironisierung ein herrlich schräges Bild abgeben zu lassen. Celia Peachum (Babette Slezak) ist eine hysterische Persiflage der besorgten Mutter, die im Zusammenspiel mit ihrem Mann (Stefan Ebeling) an keiner Stelle Zweifel am Desinteresse an der Person ihrer Tochter (Heide Kalisch) aufkommen lässt. Polly ist allerdings erstaunlich abgeklärt. Hier vermisst man stellenweise die Naivität der Figur.

Macheath (Sebastian Reck) schließlich ist eine Glanzbesetzung. Sein Auftritt und seine anziehend raue Stimme lassen den Zuschauer jede einzelne Lüge gerne glauben. Nur seine Gaunerbande lässt sich nicht so recht von seiner Dominanz überzeugen – und das weniger aus Dummheit als aus Selbstbewusstsein. Die Rivalität zu ihrem Anführer führen sie recht deutlich aus. Als es darum geht, Mackie in letzter Minute vor dem Galgen zu retten, wittern die Männer die Chance und gehen lieber etwas sparsamer mit ihren Befreiungsversuchen um.

FrankensteinDer Personenkult um die Figur des Macheath ist auch insgesamt recht reduziert. Möglicherweise ist es einigen Kürzungen geschuldet, die das Stück auf gut zweieinhalb Stunden (inklusive Pause) reduzieren, dass man die doch offensichtliche Macht und den Einfluss des Gangsters Mackie Messer nur selten spürt. Zwar sind Jenny (Michaela Winterstein), Lucy (Christiane-Britta Boehlke) und in Ansätzen auch Polly Mac immer wieder verfallen, doch gerade das Dilemma zwischen Freundschaft und Pflicht, in dem sich Brown (Axel Strothmann) bewegt, kommt kaum zum Tragen.

Fokussiert wird eher die Moral: Welche Moral? Hier wird ausgebeutet, gelogen und betrogen. Aber nun, so ist die Welt. Wovor Brecht damit schon 1928 warnen wollte, hat an Aktualität eher gewonnen. Auch wenn Macheath oft kaltblütig handelt, stiehlt, mordet, so bleibt er dennoch Teil einer egoistischen, verkommenen Gesellschaft, die aus Menschen besteht, die sich zunächst einmal angepasst haben. Vermutlich dauerte es bis zum Jahre 2008 – wenn es nicht gar noch immer andauert – bis viele bemerkten, wie lächerlich wenig ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank bedeutet. Der Haifisch, der im dritten Dreigroschenfinale auf die Bühne herunter gelassen wird, hat auf seinen Zähnen die abgeänderten Logos großer Marken und Firmen – Mackie verschwindet im Maul des Hais. Was ist Moral gegen die Macht der Wirtschaft?



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