Hoch moralische Persiflage

Ist Leben ein Ding? Etwas, das man wie ein Haus baut oder ein Bild malt? – Die Magdeburger Version von Frankenstein oder Papa, bitte liebe mich, auch wenn ich hässlich bin und morde! geht der Frage auf den Grund.

FrankensteinText: Daniel Jakubowski   Fotos: Nilz Böhme

Magdeburg| Wir befinden uns inmitten der Erzählung eines Gruselmythos. Die Notausgangsschilder sind erloschen, man kann die Hand vor Augen nicht sehen – Blitz, Donner und schaurige Geräusche durchschneiden die Dunkelheit. Dann wird im dämmrigen Licht die Kajüte des Schiffs von Robert Walton deutlich, seines Zeichens Forscher, unterwegs im Polarmeer. Er sitzt an seinem Tagebuch, als ein völlig aufgebrachter, dick vermummter Mann sein Schiff besteigt und die Eingangstür hinter sich verrammelt. Es ist Viktor Frankenstein, auch er ist Forscher. Walton bietet ihm Tee an, während Frankenstein seine Geschichte zu erzählen beginnt.

Die Geschichte, wie er ein Monster aus toten Menschenteilen erschuf, es zu erziehen versuchte, scheiterte. Und wie das Wesen floh, wie es Frankensteins Bruder und in der Hochzeitsnacht letztendlich seine Frau tötet.

Grusel und Humor liegen in der Magdeburger Inszenierung von Frankenstein oder Papa, bitte liebe mich, auch wenn ich hässlich bin und morde! sehr nah beieinander. Erstaunlich ist: Währenddessen gerät die Moral nie außer Sichtweite. Die Regisseurin Nina Gühlstorff und der Dramaturg Dag Kemser haben eine Geschichte gestrickt, die zweifelsfrei eine Komödie ist, aber auch zum Nachdenken anregt. Am Ende laufen alle Erzählstränge ineinander zusammen und hinterlassen die schauderhafte Gewissheit: Das Grauen hat sich fortgepflanzt.

Der konsequent eifrige und zerstreute Viktor Frankenstein ist urkomisch. In der Darstellung der Figur verkörpert Jonas Hien in einem ständigen Nebeneinander von Absurdität und Selbstüberschätzung die Faszination der Wissenschaft und des Fortschritts. Heide Kalisch als Viktors Geliebte in der Rolle der Elisabeth steht für die kreischend inszenierte Abscheu und Furcht des Menschen vor dem von Frankenstein erschaffenen Wesen. Sie ekelt sich vor ihm und kann keine Empathie für die Kreatur aufbringen. In den Schatten gestellt werden die beiden lediglich durch Bastian Reiber, der unheimlich kraftvoll und facettenreich ein Monster auf die Bühne bringt, das zunächst nicht einmal sprechen kann und eine schaurige Mischung aus Furcht und Mitleid hervorruft.

Nach der Erweckung zum Leben beschmiert sich Reiber Kopf und Gesicht mit einer braunen, tonartigen Masse. Seine Mimik wird dadurch nahezu unsichtbar und er erzeugt mit ungelenken Bewegungen und Lauten ein grausames aber ängstliches Monster. Unterstützt werden die drei von Viktor Grottke, der einen frechen und zugleich rührenden William Frankenstein spielt.

FrankensteinZunächst ist es ziemlich lustig, dem unbeholfenen Wesen bei seinen ersten Schritten in Richtung einer Zivilisierung und Sozialisierung zuzuschauen. Es ist nicht in der Lage, Handlungen nachzuahmen, auf einem Stuhl zu sitzen („Sitz gerade!“ befiehlt ihm Frankenstein) oder Teller und Brot auf dem Tisch stehen zu lassen. Wie ein riesiges Baby verhält sich Frankensteins Monster. Und als es beginnt, die Gegenstände der Reihe nach auf den Tisch zu schlagen und dabei auch den Kopf von Elisabeth nicht auslässt, bleibt einem kurz das Lachen im Halse stecken. Damit bringt die Inszenierung gekonnt auf den Punkt, worin der Widerspruch in diesem Wesen liegt.

Angst führt zu Vermeidung und Flucht. Was Frankensteins Monster gefährlich macht, ist seine Unberechenbarkeit. Letztendlich liegt so die Gefahr einzig und allein in Frankensteins und somit der menschlichen Hybris. Er hat ein Ungleichgewicht geschaffen. Sein Geschöpf sieht er von dessen Selbstbewusstsein getrennt. Doch Leben ist nicht zu trennen von etwas Unkontrollierbarem, von Emotionen und Affekten. Der Mensch scheitert, sobald er sich über sich selbst stellen, Gott spielen will und die eigene Beschränktheit aus dem Blick verliert. Damit ist die Katastrophe unausweichlich, denn das menschliche Bewusstsein lässt niemals eine natürliche Begrenzung in den Blick kommen. Viktor Frankenstein schafft einen Menschen als wäre er bloß ein Gegenstand und vergisst dabei – dessen Würde.



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