Überdruss und Überfluss

Die Gesellschaftskritik in Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ wurde erst viele Jahre nach dem Tod des Autors entdeckt. In der Inszenierung von Susanne Chrudina am Schauspielhaus Magdeburg findet das Thema viel Platz.

Leonce und LenaText: Daniel Jakubowski   Fotos: Nilz Böhme

Magdeburg| Zentrales Element von Büchners Lustspiel ist die Zelebrierung des Nichtstuns, des Überdrusses in einer dekadenten Hofgesellschaft, die an ihrem eigenen Despotismus krankt. Aber da ist mehr.

Den Prinzen Leonce erdrückt die Gleichförmigkeit im Reiche Popo und Lena ist im Reiche Pipi einsam. Voneinander wissen die beiden nichts bis auf die Tatsache, dass ihre Vermählung kurz bevor steht. Der Prinz mit seinem Gefährten Valerio und die Prinzessin mit ihrer Gouvernante fliehen daraufhin vor dieser Zwangsehe. Unverhofft begegnen sich die vier unterwegs. In Unkenntnis des anderen verlieben sich Leonce und Lena. Um sich nicht wieder trennen zu müssen, kehren sie maskiert an den Hof zurück.

Das Paar erwartend, beschließt der König kurzerhand, die beiden Maskierten – die er nicht erkennt – ersatzweise zu vermählen, damit wenigstens irgendeine Hochzeit stattfindet. Nach der Eheschließung werfen die frisch Vermählten ihre Masken ab und die Verwirrung – aber auch die Freude – ist groß. Fröhlich verlässt der König die Szene, während Leonce und Lena die nun neu gewonnene Willkür des Herrschens testen, diese ihnen jedoch sehr schnell wieder überdrüssig wird und am Ende herrscht dann vor allem wieder eines: Die Langeweile.

Die Satire auf die Kleinstaaterei zu Lebzeiten Georg Büchners klingt an im Bühnenbild, das die beiden Reiche im Taschenformat nur durch einen schrägen Strich auf dem Boden trennt. Links Leonce (Alexander Absenger) – rebellisch und eitel zugleich im Reiche Popo in einem angedeuteten Raum mit Drehtür. Rechts Lena (Julia Schubert) – gekonnt naiv, hinter einem Fenstergitter sitzend, sinnierend, Sinn suchend.

Im zweiten Akt öffnet sich die Szene und es entsteht mit Hilfe eines riesigen Sternenhimmels, der die gesamte Bühnenrückwand bedeckt, eine Waldlandschaft. Auch zu Hofe wirkt die Satire: Der deutlich verwirrte König Peter (Bernd Vorpahl – gibt den zerstreuten König vorzüglich) scheint mehr aus Gewohnheit als aus Pflicht- oder gar Ehrgefühl sein Land zu regieren; und wenn der Zeremonienmeister (Konstantin Marsch) zusammen mit Rosetta (Luise Audersch) nicht müde wird, dem König zu erklären, dass dieser sich mit dem Knoten in seinem Schnupftuch erinnern wollte – aber nicht an was, ist spätestens klar: In dieser Welt wird nichts mehr als die Form gewahrt.

Leonce und LenaSusanne Chrudina hat mit beißender Ironie eine Hofgesellschaft inszeniert, über deren gewollte und nicht gekonnte Ernsthaftigkeit dem Zuschauer ein lautes Lachen entfahren muss. Dazu geben auch die Gouvernante (Iris Albrecht) und Valerio (Jeremias Koschorz) viel Anlass. Der völlig überdrehte Valerio neigt ein wenig zu szenischem Überfluss, wenn er ständig mit neuem Essen die Bühne bekleckert und wie wild zur Musik durch die Gegend wirbelt; dabei ist er aber grundsympathisch.

Iris Albrecht in der Rolle der Gouvernante ist zudem ein regelrechtes Highlight. Die mit trockener Selbstironie dargestellte, vermeintlich mütterliche Fürsorge für Lena gelingt ihr perfekt. Als die Duos der beiden Reiche im Wald aufeinander treffen und es zum Schlagabtausch zwischen Valerio und der Gouvernante kommt, ist die Komödie vollkommen.

An anderer Stelle wird aber eine noch offensichtlichere Kritik deutlich. Sobald der König nach der Eheschließung die Szene verlassen hat, kommt es zur abwechselnden Rolleneinnahme der vom König übergebenen Macht zwischen den übrig gebliebenen Darstellern. Mit den völlig willkürlichen und banalen Befehlen, die dabei ausgeteilt werden, holt die Regisseurin die Zuschauer abrupt auf den Boden der Tatsachen zurück. Als Lena an der Macht ist, versucht sie den Untertanen etwas beizubringen. Doch das begreift niemand und letztendlich bleibt das Pärchen allein und erneut gelangweilt zurück. Was ist Herrschaft, wenn sie inhaltslos und nur um ihrer selbst Willen existiert?

Man kann über diesen Schluss, der sich auf einmal ziemlich ernst nimmt, geteilter Meinung sein. Die scheinbare Tragik der Endszene bleibt bezuglos und man verlässt ernüchtert den Schauplatz eines Stückes, das eigentlich doch mit einem zwinkernden Lächeln enden könnte. Denn die Lust und das Spiel gelingen ja auch, wenn gelegentlich Klamauk in der Aufführung steckt. Der Humor ist streckenweise genial umgesetzt, funktioniert und steht der Inszenierung gut zu Gesicht.



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