Rezension »Helmut Schmidt – Der Weltkanzler«

Kristina Spohr analysiert den Weltkanzler Helmut Schmidt

Noch heute sehnen sich viele Menschen nach einem vermeintlich starken Kanzler wie Helmut Schmidt zurück. Seit der ersten Bundestagswahl am 14. August 1949 regierten acht Kanzler in Bonn und Berlin. Doch laut einer Stern-Umfrage aus dem Jahr 2013 gilt der damalige SPD-Politiker Helmut Schmidt als der beliebteste deutscher Kanzler der Nachkriegszeit. Er landete in dieser Umfrage weit vor dem allseits geschätzten Konrad Adenauer.

Text: Andreas Lilienthal | Fotos: Theiss Verlag

Obwohl der ehemalige Kanzler Helmut Schmidt, der von 1974 bis 1982 in Bonn regierte, so beliebt wie kaum ein anderer war, wird er von den Politologen und Historikern in der Geschichte eher als Randfigur wahrgenommen. Er galt seit eh und je als galanter Krisenmanager. Dies stellte er erstmals 1962 bei der großen Sturmflut in Hamburg unter Beweis. Damals war er als Senator der Polizeibehörde für die Sicherheit der Hamburger Bürger zuständig. Doch als bedeutender Akteur in der Weltpolitik der siebziger und achtziger Jahre ist er nicht vielen Fachleuten in Erinnerung geblieben.

Ein Mann mit außerordentlicher Macht

Dieser Wahrnehmung wiederspricht nun die Historikerin Kristina Spohr energisch in ihrem Buch »Helmut Schmidt – Der Weltkanzler«. Für sie ist Schmidt eher das genaue Gegenteil. Ein Weltkanzler, ein politischer Mann von Format, ja sogar als Weltökonom und Mann mit außerordentlicher Macht bezeichnet Kristina Spohr den gebürtigen Hamburger in ihrem neuen Werk.
Die in England lehrende Kristina Spohr weiß wovon sie spricht. Immerhin hatte sie exklusiven Zugang zu wichtigen und persönlichen Quellen sowie zu den persönlichen Papieren Schmidts. Außerdem forschte sie mehrere Jahre intensiv in deutschen, britischen und amerikanischen Archiven. Zu guter Letzt hatte sie die authentischste aller Quellen auf ihrer Seite. Das persönliche Gespräch mit dem ehemaligen Kanzler. Das letzte Gespräch fand im November 2015 in Schmidts Hamburger Privathaus statt. Knapp drei Wochen später starb der 96-Jährige.

Wegbereiter der Wirtschafts- und Währungsreform

Kristina Spohr setzt sich in >»Helmut Schmidt – Der Weltkanzler« vor allem sehr intensiv mit seinen zahlreichen Verdiensten auseinander. Sie stellt dabei klar heraus, dass es das G-7-Forum ohne Schmidt nicht gegeben hätte. Er wäre durch seine unermüdliche Arbeit und durch sein diplomatisches Geschick zum Vater des Europäischen Währungssystems aufgestiegen. Diese war ohne Zweifel ein wichtiger, wenn nicht sogar der wichtigste Schritt zur Wirtschafts- und Währungsunion viele Jahre später. Ihre Erklärung und Darlegung der Fakten folgt einer einfachen Plausibilität.

Schmidt fällte seine politischen Entscheidungen mit enormen Intellekt und stets wohl überdacht. Jeden Schritt wägte er bis ins kleinste Detail ab. Vor allem bei seiner schwierigsten Entscheidung kam dies zum Tragen. Die erfolgreiche Befreiung der Geiseln von Mogadischu, die von deutschen Terroristen in einer entführten Lufthansa-Maschine in Somalia festgehalten wurden sollte zum temporären Triumph und zu einer der größten Niederlagen für Schmidt werden. Es war der auslösende Moment für die Todesnacht von Stammheim, die wiederum die Ermordung Hanns Martin Schleyers zur Folge hatte. Leider geht Spohr auf diese damalige dramatische Entwicklung während der Kanzlerschaft Schmidts gar nicht ein.

Auch die Verwerfungen im Nahen Osten und das Eingreifen der Sowjets in Afghanistan ab 1979 haben es leider nicht in diese Auslese Spohrs geschafft. Obwohl die Ereignisse in die Regierungszeit Helmuts Schmidts fallen.

Stratege und Schlichter auf großer Bühne

Stattdessen geht die Historikerin ausführlich auf die strategischen Dienste Schmidts ein. Sie stellt heraus, dass er bereits früh die Tragweite der Globalisierung und des sich abzeichnenden Aufstiegs von China erkannte und als Stratege des Gleichgewichts den sog. NATO-Doppelbeschluss erdachte. Der als Reaktion auf die massive sowjetische Aufrüstung im Bereich der Mittelstreckenraketen dienen sollte. Laut ihrer Aufzeichnungen trug er so maßgeblich zum Zusammenhalt der Allianz und zur Entschärfung des Kalten Krieges bei.

Kritik und Fazit

Durch ihre teils differenzierte Quellenauslesung der Wahrnehmung Schmidts im In- und Ausland bekommt man ein breit ausgelegtes und allumfassendes Bild von der politischen Wirkungszeit Helmut Schmidts als Bundeskanzler. Das historische Bild Schmidts wirkt jedoch in der Quintessenz der angesprochenen Defizite zu konstruiert.

Insbesondere ihre regelrechte Verehrung des im letzten Jahr verstorbenen Altkanzlers brachte ihr nicht nur Lob und Anerkennung. Zu glorifizierend und distanzlos sei ihr Werk meint beispielsweise der Experten Ralf Husemann in der Süddeutschen Zeitung.
Gregor Schöllgen hingegen geht mit seiner Kritik in der FAZ sogar noch ein Stückchen weiter. Er finde es geradezu grotesk, wie Spohr Helmut Schmidt in den Himmel lobe und ihn zum Weltkanzler ausblase.

Trotzdem empfiehlt sich »Helmut Schmidt – Der Weltkanzler« insbesondere für Politikinteressierte, die das Wirken eines ohne Zweifel bedeutenden Kanzler näher gebracht haben wollen und eintauchen wollen in die Politik der 70er und 80er Jahre. Eine besondere Zeit, die die Bundesrepublik nachhaltig in ihrem Wesen geprägt hat. Genauso wie es Helmut Schmidt bis heute tut.

Kristina Spohr lehrt als Associate Professor Internationale Geschichte an der London School of Economics. Deutsch-Finnin von Geburt, hat sie an der University of East Anglia, Sciences Po Paris und der University of Cambridge studiert und ein Jahr lang im NATO Secretary General’s Private Office Brüssel gearbeitet.

Helmut Schmidt – Der Weltkanzler
Autorin: Kristina Spohr;
Theiss Verlag – WBG 2016;
384 Seiten, 29,95 Euro;
ISBN: 978-3806234046

:: Mehr Informationen unter http://www.wbg-verlage.de

 

Zusammenfassung
Artikel
Rezension »Helmut Schmidt - Der Weltkanzler«
Beschreibung
Helmut Schmidt – Der Weltkanzler von Kristina Spohr ★ Das ausführliche Buch über den Staatsmann Helmut Schmidt ★ DEIN LITERATURMAGAZIN
Autor
Magazin
Youngspeech Media

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1 Response

  1. Karin Größe sagt:

    Er war zwar ein großer Staatsmann, ohne Zweifel, doch wer Helmut Schmidt und der Scheißkrieg von Sabine Pamperrien liest, erhält noch einmal eine ganz andere Sich auf den vermeintlich großen Staatsmann.

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