Nacktbaden in wollig warmen Riffs – SFTU 2016

Auch die 16te Auflage des Stoned from the Underground (SFTU 2016) bewies: Der Rock’n’Roll ist nicht tot. Großartige Bands, die besten Festivalbesucher der Welt und eine Location zum Zunge schnalzen.

Text: René Lehmann | Fotos: Fabian Benecke

Zunächst kurz zu den beiden letztgenannten Protagonisten: Die besten Festivalbesucher der Welt? Aber sowas von! Bei kaum einem anderen Festivalbesuch wirst du dich so aufgehoben und in familiärer Atmosphäre wiederfinden. Keine Aggression, kein Streit und kein Gepöbel. Das Stoned (SFTU2016) ist quasi das Kanada unter den Festivals. Eine große Gemeinschaft zu der man jedes Jahr wieder zurück will. Und die Location? Es ist eine wahre Freude an diesem Ort für ein paar Tage seine Zelte aufzuschlagen. Ein Gefühl von Freiheit durchfährt den ganzen Körper, wenn der erste Blick über die bis zum Horizont reichenden Felder streicht. Urlaubsstimmung kommt dann vorm Betreten des Festivalgeländes auf, wenn nochmal ein kurzer Abstecher zum klaren, türkisfarbenen Alperstedter See gemacht wird.

Aber nun zu den Hauptakteuren. Eröffnet wurde das Festival von zwei jungen Leipziger Bands, mit denen die Veranstalter bereits beim Start das große musikalische Spektrum des Wochenendes abgesteckt haben. Den Anfang machten BREIT. Schwer und rau, durchzogen von verträumten Gesangspassagen – Female-Fronted Doomrock par excellence. Gefolgt von CHURCH OF MENTAL ENLIGHTMENT. Diese brachten auf jeden Fall Erleuchtung in die Frage, ob Bands aus Schweden den Retro Rock für die nächsten Jahre gepachtet haben. Die klare Antwort lautet: Nein! Psychedelischer Bluesrock, gepaart mit rotzig-punkigem Gesang; hier eine Mundharmonika, da eine kleine priese Orgel – fertig ist ein Sound, der in den nächsten Jahren für Furore sorgen wird. Um den musikalischen Nachwuchs aus der Region brauchen wir uns jedenfalls keine Sorgen machen.

Anschließend ging es dann auf die Main Stage. STONED JESUS und das Stoned from the Underground (SFTU 2016) – das ist keine einfache Beziehung. Irgendwie ist der Wurm drin. Im letzten Jahr konnten sie gar nicht anreisen, in diesem Jahr standen dann plötzlich nur zwei Bandmitglieder auf der Bühne – Bassist Sergey ist kurzfristig erkrankt ausgefallen. Trotz anfänglicher Nervosität konnten „The Stoned Keys“, wie Sänger Igor seine Band kurzerhand umtaufte, der Menge ordentlich einheizen, auch wenn der Bass an etlichen Stellen schmerzlich vermisst wurde. Hoffentlich sind wirklich mal „aller guten Dinge drei“ und beim nächsten Versuch geht dann alles glatt.

Stoner Rock made in Greece gab es dann bei 1000MODS. Die vier Griechen in Deutschland live zu sehen, gehört eher zu den selteneren Highlights. Daher war es kaum verwunderlich, dass es vor der Bühne ziemlich schnell sehr voll wurde. Großartig viele Hilfsmittel braucht es zudem nicht um 1000MODS zu genießen. Der tiefe, psychedelische Desert Stoner Rock der vier Jungs aus dem kleinen Ort Chiliomodi reißt dich von einem Trip in den nächsten. Dieser Wahnsinns-Sound kann locker in einem Atemzug mit Bands wie Kyuss und Fu Manchu genannt werden.

Das Highlight des Tages gab es dann am späten Abend. Seit über 20 Jahren sind PETER PAN SPEEDROCK auf den Bühnen dieser Welt unterwegs. In diesem Jahr wird die lange Reise der Legenden aus Eindhoven ein Ende nehmen. Aber nicht nur aus diesem Grund können wir uns alle glücklich schätzen sie noch einmal live gesehen zu haben. Speedrock der Extraklasse hat an diesem Donnerstagabend auch den hartgesottensten Doomrocker zum exzessiven tanzen, kopfschütteln und abgehen gebracht. Hart, rotzig und schnell, wie eh und je. Man hat ihnen die Abschiedstournee und die baldige Rente noch nicht angemerkt. Schade also, dass es nun bald vorbei ist mit Speedrock aus den Niederlanden.

Der Festival-Freitag

Der Freitag begann erst einmal mit Nacken dehnen und ausnüchtern. Daher ging es dann auch erst nach den Zeltacts aufs Gelände. Aber es wurde nicht besser für unsere Genickmuskeln: Als erstes erwartete uns 70er-Retro-Rock aus Schweden. Einfach nur Geil! HYPNOS kramen ganz tief in den Melodien und Spielarten von DEEP PURPLE, DIO und RAINBOW. Die Göteborger-Sensationsband überzeugte restlos und wird Bands wie Graveyard und Horisont in den nächsten Jahren harte Konkurrenz machen.

Anschließend breitete sich ein tiefes Dunkel über dem Festivalgelände aus. Menschen bedeckten ihre Gesichter mit schwarzen Masken, bestickt mit elfenbeinfarbenen Stoßzähnen. Ein Gewitter aus schweren Gitarren hagelte auf uns nieder. Bass und Drums hüllten alles in der Umgebung in einen wabernden Umhang. Der Gesang – nein besser das Grölen aus der Unterwelt – nahm einem die Luft zum Atmen. IRON WALRUS, deutscher Doommetal der ganz finsteren Sorte. Am Ende des Sets hat es sich angefühlt als hätte einem ein tonnenschwerer Meeressäuger seine meterlangen Stoßzähne (mehrmals) mitten durch die Brust gerammt.

Und dann nochmal Schweden: SPIRITUAL BEGGARS aus Halmstad sind bereits alte Bekannte in der Szene. 1992 gegründet, gehören sie zu den Pionieren des Stoner Metals. Einflüsse aus allem was Rang und Namen hat, werden hier zu einer unfassbar geilen Mischung zusammen getragen. Metal der 80er an einer leichten Soße aus Hammondorgel und Glam Rock und dazu psychedelische Trips alá BLACK SABBATH – fertig ist ein Leckerbissen der ganz besonderen Art.

Ein Happening, dass Woodstock wieder aufleben ließ, gab es dann zum Schluss bei BRANT BJORK. Eigentlich muss man nicht viele Worte zu dieser lebenden Legende verlieren. Wer nicht dabei war, kann sowieso nur schwer nachvollziehen was beim Konzert dieses absoluten „Könners“ abging. Eine wilde Reise von den Anfangen des Seins, über den dreckigen Hinterhof einer Vorstadtkneipe bis zu den unfassbar schönen und kargen Landschaften der Mojave-Wüste. Eine Reise die dich komplett entblößt auf den Boden wirft, dich packt, herumwirbelt und dir schlussendlich die geilsten anderthalb Stunden deines Lebens beschert. Ein perfekter Abschluss, eines großartigen Tages.

Ein bisschen Glitter-Glitter

Ein bisschen Glitter gefällig? Dann bist du bei TRAVELIN JACK an die richtigen geraten! Der Samstag begann mit Federstolas, Glitzerschminke und fette Gitarren. Die Berliner sind auf den Zug der Retrobands aufgestiegen und haben es geschafft ihren ganz eigenen Sound zu kreieren. Groovig, hart und einfach schön.

Mit Stoner und Heavy-Psych bis hin zu abstrakten und experimentellen Instrumentalsounds entführten uns CAUSA SUI danach auf eine Reise in die 60er und 70er Jahre. Selten habe ich so eine Vielfalt auf einer Bühne gesehen. In irrsinnig schnellen Wechseln von verträumten und abdriftenden Psychedelic-Parts hin zu harten und schnellen Stoner-Passagen und wieder zurück. Langsam treibender Gesang und fettes Riffing komplettierten ein wahres Spektakel auf der Bühne.

Das letzte Highlight des Stoned 2016 waren GOMER PYLE. Die Vorreiter des Stoner Rock in den Niederlanden existieren bereits seit 1994 und haben besonders aus dieser Zeit viele Einflüsse in ihre Musik gebracht. So meinte man an einigen Stellen NIRVANA oder PEARL JAM herauszuhören. Insgesamt ist die Musik ein großartiger Mix aus hartem Stoner Rock und Jam-Parts. Leicht abgespaced schaffen es die vier Jungs einen sehr geschmeidigen und warmen Sound zu kreieren.

Und das war es dann auch schon wieder. Die Zeit in Stotternheim geht wirklich immer viel zu schnell vorbei! Fünf Tage purer Freude und Ausgelassenheit. Danke an die Organisatoren für ein wiedermal rundum gelungenes und thematisch schön aufeinander abgestimmtes Festival. Bis nächstes Jahr!

:: Mehr Informationen unter http://www.sftu.de

 

Zusammenfassung
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Nacktbaden in wollig warmen Riffs - SFTU 2016 - Youngspeech.de
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Youngspeech war für Euch auf dem SFTU 2016 - Stoned from the Underground ★ Youngspeech Festival SFTU 2016 ★ DEIN KULTURMAGAZIN
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