Rock im Stadtpark 2012 – Eine subjektive Nachbetrachtung

Pferdeäpfel, Klassentreffen und eine entführte Freundin – Festivals bieten weitaus mehr als nur Musik, Rock im Stadtpark 2012 auch. Gutes wie nicht so Gutes…

Rock im Stadtpark Text: Dominik Grittner, Foto: Fabian Benecke, Susann Schwass

Magdeburg| Es ist also mein zweites Rock im Stadtpark nach 2011, und ich gehe mit etwas gemischten Gefühlen rein. Es ist ja schon merkwürdig, dass zwei Jahre hintereinander Jennifer Rostock Headliner sind. Außerdem liegt der Fokus des Festivals stark auf Deutschrock, was zwar mal eine schöne Abwechslung sein kann, auf Dauer aber seine Limitierungen offenbart. Ist natürlich Geschmackssache, alles.

Ich gehe Freitag im Regen zum Gelände, will fleißiger, seriöser Journalist sein und mir so viele Bands wie möglich ansehen. Das hat sich gelohnt, denn den zweiten Gig liefern Das Pack. Ein Schlagzeuger und ein Metallgitarrist, kommen mit Kippe im Mund und Hartz-IV-Montur auf die Bühne und erzählen etwas davon, dass man ja lieber Pferdeäpfel statt Fleisch essen sollte, da Tierzucht schlecht für den Planeten sei. Die Ansprachen erinnern an Die Ärzte, zuweilen etwas asozialer. Fotograf Fabi hat sich gleich eine CD von dem Dou geholt. Zu recht. Die Entdeckung auf dem Festival.

Das vielleicht größte Highlight auf dem Festival waren Royal Republic, die am frühen Abend die Hauptbühne mit ausgefeilter Choreographie á la Hives – nur etwas mehr Badass – rockten. Partysongs haben sie im Gepäck, Motörhead- und Metallica-Cover fügen sich ins Programm perfekt ein. Mir zuckts das ganze Konzert über im Fuß. Als ich Patrick, einen Kumpel, sehe, wie er sich bei Fullsteam Space Machine ins Getümmel wirft, schmeiße ich meine guten Vorsätze als Journalist über Bord und dränge mich in den Moshpit. Patrick freut sich, mich zu sehen und wir tanzen Pogo. Als die Masse sich zur Wall of Death spaltet, setzen sich drei, vier Leute in die Mitte und machen das Ruderboot (setzen sich auf den Boden und tun, als würden sie rudern). 30, 40 Leute folgen, innerhalb von Sekunden ist der gesamte Moshpit voll von Ruderern. Klasse.

Ich bin echt euphorisch nach dem Auftritt, trinke zwei Bier und schaue mir die Ohrbooten an, die wegen Problemen mit der Anlage viel zu leise sind. Macht nichts, das Publikum singt die Refrains der Reggae-Hip-Hopper mit. Danach Jennifer Rostock, die inflationär etwas von Fotzen, Pimmel und Schamlippen erzählt. Aus der Ferne betrachtet reicht das dann auch. Zum Ende sitz ich mit anderen Redakteuren und Freunden im Kreis, wir trinken, meine Freundin bastelt mir einen Ring aus Grashalmen. Wir und ihre Freunde fahren zu ihr, sitzen bis morgens zusammen, trinken Ouzo und schlafen vier Stunden. Hat irgendwie auch was von Festival, nur dass man eben nicht im Zelt wohnt.

Highfield 2011

Das ist ja generell ein Merkmal von Rock im Stadtpark: Durch die zentrale Lage zeltet nur eine kleine Schar an Leuten dort, die meisten Besucher kommen eher aus Magdeburg oder Umgebung. Man kann es gut finden oder nicht, aber dadurch wächst das Festivalgelände zu keinem Biotop mit eigenen Regeln.

Am nächsten Tag wird es mit meiner Verfassung schon etwas kritischer, aber als ich zum Konzert von Johnny Rockskin komme, bin ich gutgelaunt: Ein Haufen alter Schulfreunde aus Oschersleben stehen vor der Bühne, um die Rockskins zu bejubeln, mit denen wir Abi gemacht haben. Die Jungs begeistern mit ihrem Mix aus Stoner- und Hardrock, die Musik ist so staubtrocken und cool, dass Verena, ein Mädel aus unserer Gruppe, mit einem Schild kommt, auf dem steht, dass sie sich mit dem Sänger von Johnny Rockskin treffen möchte. Auf Nachfrage sagt sie, die beiden hätten sich verabredet… soso. Nach dem Gig kommt Pat, der Schlagzeuger der Band, zu uns, und spricht Verena daraufhin an. „Ich kann ihn dir mal ranholen“, sagt er, und taucht mit Jonas, dem Sänger, ein paar Minuten später auf. Verena freut sich. Auf Rock im Stadtpark werden Träume wahr.

Die restlichen Stunden bieten etwas Leerlauf, Altpunks freuen sich über Dritte Wahl, Ska-Freunde über die super aufgelegten Jungs von Sondaschule. Mir fällt der Spruch ein, mit dem Rock im Stadtpark geworben hat: „Keine Überschneidungen!“ Nun, anders herum gesehen heißt das, man ist gezwungen, jede Band zu sehen. Das kann auch langweilig werden. Ich will nicht sagen, dass unbedingt zwei Bands zeitgleich spielen sollen, aber ein kleines Elektrozelt in dem ein DJ auflegt als Alternative hätte schon was. Ist ja beim Rocken am Brocken auch gut angekommen.

Highfield

Ich bin kein Rap oder Hip-Hop-Fan, aber bei Marteria war mir klar, dass er eine fette Show hinlegt. So kam es: Dicker Bass, gute Stimmung und Samples einiger Rock- und Hip-Hop bzw. Funk-Klassiker. Bester Moment des Gigs war, als Marteria mittendrin verschwand und als alter Ego Marsimoto auf die Bühne kam, Sekunden später die grünen Rauchbomben im Publikum gezündet wurden und Magdeburg zu Green Magdeburg wurde. Danach ging ich zum Wasserlassen zu den Klos im Eingangsbereich und wurde gefühlte dreißig Mal angequatscht. Ich verstehe, dass sich das Festival finanzieren muss, aber dass sich der Besucher durch ein Bündel von ADAC-, Camel- und was-weiß-ich-Vertretern schlagen muss, um zu den Bühnen zu gelangen, das nervt irgendwann.

Gentleman hat zum Abschluss des zweiten Tages natürlich Spaß gemacht. Links und rechts von mir qualmten die Leute Joints, da hat der Rhythmus natürlich super zu gepasst. Tanzend verließen wir das Festivalgelände, um beim Kreideflashmob auf den Hassel zu schauen. Noch ein paar Bier getrunken und plötzlich war es um zwei…

Was gar nicht gut war, denn Sonntag musste ich früh raus, weil meine Großeltern Goldene Hochzeit feierten. Ich hörte öfter, dass ich ziemlich müde aussähe und wurde schief angeguckt, wenn ich am Buffet Songs von Das Pack vor mich her sang. „Pferdeapfel… yamm yamm yamm yamm yamm…“.

Daher kam ich auch erst etwas später zum Rock im Stadtpark-Sonntag, dafür knallte es gleich: Die Veteranen des Alternative-Metals, Emil Bulls brachten den härteren Sound auf die Bühne, mit seiner Screamo-Stimme hat Sänger Christoph von Freydorf sicher alle Rentner auf ihrem Sonntagsspaziergang im Stadtpark verscheucht. Klitschnass kamen mir Bekannte aus dem Moshpit entgegen.

Highfield 2011

Von Montreal bekamen wir wenig mit, denn zu The BossHoss wollte mein Trupp ganz vorn stehen. Ich bin kein großer Fan dieses Country-Elvis-Rock-Mixes, hab mich aber von meiner Freundin mitreißen lassen und tatsächlich: Die Show, die die Cowboys hinlegten war intensiv und innovativ. So innovativ, dass sie gegen Ende auf die Idee kamen, Mädels auf die Bühne zu holen… unter anderem meine Freundin. Das hat Spaß gemacht, bis sie entschieden haben, die Frauen Backstage zu bringen. Nichtsdestotrotz war der Gig schon ziemlich mega.

Ohne Freundin verließ ich also Rock im Stadtpark 2012. Das Festival konnte mit einigen Highlights aufwarten, dennoch war es zwischen diesen etwas stumpf, was ja auch am persönlichen Musikgeschmack liegt. Für mich hätten zwei vollgepackte Tage gereicht, als drei mehr oder weniger gestreckte. Internationale Acts wären für nächstes Jahr wünschenswert, wenn man sich eher auf Musik aus dem deutschen Raum beschränken möchte, dann kann man gern auch ein oder zwei Audiolith-Bands ranholen. Die Musik der deutschen Bands wirkte rückblickend doch recht einheitlich. Durch das starke Headliner und Co-Headliner-Programm und einigen Überraschungen hat sich Rock im Stadtpark 2012 gelohnt. Aber bitte nächstes Jahr nicht nochmal Jennifer Rostock…



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1 Response

  1. Alina sagt:

    Hallo !
    Also, dasmit DER BAND Jennifer Rostock ist ja so ’ne Sache.
    Wurde ja schon mal als „Bühnenporno“ bezeichnet und ich finde sowohl diese Bezeichnung, als auch deine Beschreibung ist etwas übertrieben.
    Haben einen klasse Auftritt hingelegt und die Stimmung war mehr als gut.

    Marteria fand ich persönlich nicht so toll, aber das ist ja immer geschmackssache.
    Genauso wie The BossHoss, die ich schon oft live gesehen und sonst immer gefeiert habe, aber bei Rock im Stadtpark fand ich sie einfach nur schlecht.

    btw: Eure Fotos sind super.

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