Und dann kam das Gefühl….

„Über die Sternbrücke musst du gehen!“ – Fast im Gleichschritt pilgern unzählige Menschen mit tanzendem Enthusiasmus über den Asphalt. Das Festival Rock im Stadtpark wird heute zu unserer Tanzfläche. Der erste Schritt auf dem feuchten Gras ist der Eintritt in eine liebgewonnene Welt.

Rock im StadtparkText: Isabell Redelstorff, Fotos: Juliane Schulze

Magdeburg| Das Bändchen ist sicher am Handgelenk befestigt. Kleine Fressbuden sichern uns zu, auch den Hunger zu bekämpfen wenn die vom Tanzen ausgelaugten Körper nach Kraftzufuhr verlangen.

Mit festen Schritten bahnen wir uns den Weg zu kleinen Bühne. Mandy Lane wird uns gleich beweisen, warum sie zurecht einen Platz im Line up erhielten. Sängerin Mandy eröffnet das Festival mit ihrer kraftvollen Stimme. Die ersten Fans versammeln sich vor der beschaulichen Bühne. Die Texte werden mit Wort und Satzzeichen verschlungen. Nach einer halben Stunde ist offiziell klar, mitten im Stadtpark existiert eine bunte neue Welt.

Keine Zeit zum verschnaufen. Die Empty Guns schlagen den ersten Akkord an. Mit Ronald McDonald wollen sie die Welt retten und immer noch ein wenig mehr. Zunächst erschrickt ein Zuschauer über die energetische Spielerei des singenden David. Spingen, tanzen, singen, musizieren. Die menschliche Aufnahmefähigkeit scheint bis zum reißen gespannt. Es bleibt nur ein Ausweg: lassen wir uns ein, auf eine Reise nach Sansibar.

Im Anschluss hoffen Harthof mit Punkattitude zu überzeugen und ich erkenne die ersten Hände dem Himmel zugewandt. Seifenblasen vor dem rosarot gefärbten Himmel locken zurück an die große Bühne. Bakkushan verzaubern und fragen ob wir angekommen sind. Mit eine formlosen Liebeserklärung ans Publikum, geben sie die Sonne für uns frei.

In der Abendsonne nimmt Bosse mit einem schelmischen Grinsen auf der kleinen Bühne platz und vermittelt seine eingängige Philosophie Liebe ist leise. Sein deutschsprachiger Indiepop trifft den Zeitgeist. Auf unterschiedliche Weise werden die melodischen Klänge eingefangen. Singend, tanzend oder im Schneidersitz werden die letzten Sonnenstrahlen genossen.

Es wird Nacht. Die Menge grölt und sie verlangt nach Jennifer Rostock. Unter lautem Getöse betritt die zierliche Sängerin die Bühne. Ihren blonden langen Haaren mit einem Stirnband zu Seite frisiert, kokettiert sie mit dem Publikum. Sie gibt zu verstehen, die Bühne gehört jetzt ihr. Mit räkelnden Bewegungen und jauchzendem Gesang provoziert sie ganz bewusst den feiernde Menge. Sie verspricht, sie will mit dem Schiff untergehen, denn sie ist der Kapitän. Über eine Stunde lässt sie nur einen Willen gelten, den ihrigen. Der Headliner des ersten Abends spaltet und gewinnt dennoch.
Der Freitag neigt sich dem Ende. Nachtschwärmer verweilen in ihrer Tanzwut auf dem Gelände und bewegen sich in unersättlichen Musikmanier fast bis in den Morgengrauen.

Der zweite Tag verspricht abwechslungsreich zu werden. Die Nachwuchsbands The Ape escape und In my Days eröffnen an diesem Samstag das Festival. Die Resonanz des Publikums bringt die Musiker zum lächeln. Ein großer Erfolg in der jungen Karriere.

Herrenmagazin aus Hamburg nutzen die Gunst und bestechen mit Charme und Humor. Mit dem Zuruf „Halts Maul und spiel“ wird die Erzähllust von Sänger Deniz prompt unterbrochen. Der Musiker nimmt es mit Witz und kontert spitzfindig. Hinter seinem dunklen Bart zieht er die Mundwinkel nach oben und gibt mit einem Griff in die Saiten zu verstehen, spielen kann er gut. Mit kontrastreichem Programmwechsel beziehen The Skatoons Stellung. Während zuvor sitzende Körper die Wiese bedeckten, tropft jetzt der Schweiß von Stirn und Rücken. Die Ska-Band motiviert mit vollstem Elan, die noch müden Gelenke durch rhythmische Bewegungen in Form zu bringen. Die Kleider werden vom Leib gerissen und kein Gedanke an morgen verschwendet.

Nachdem die feuchten Stellen getrocknet sind, ist es Zeit Frida Gold zu genießen. Sängerin Alina verführt in lasziver Bewegung Mann und Frau gleichermaßen. Es fällt schwer den Blick abzuwenden. Sie fordert, fast liebevoll: Zeig mir wie du tanzt und ich sage dir, wer du bist. Die Romantik findet ein jähes Ende als die Zusatzband Say Okay mit großem Selbstbewusstsein ihre Berechtigung verlangt. Mit bemerkbar überlegter Präsentation wirken sie, wie die Anheizer für Itchy Poopzkid. Der Plan funktioniert.

Eine große Fangemeinde findet sich vor der großen Bühne ein. Sibbi, Panzer und Max von Itchy Poopzkid, wie sich die markanten Punk-Musiker selbst bezeichnen, haben nicht nur musikalisches Talent. Mit Entertainerqualitäten liefern sie eine unterhaltende Show. Selbst ein Gitarrenkoffer, getragen vom Publikum, dient als Bühne. Alles wird ausgenutzt, jeder Gedanke verbalisiert. Eine Atmosphäre von Spiellust und Authentizität beginnt sich zu entfalten. Gekommen, gespielt und gesiegt!

Der charismatische Rocksänger Daniel Wirtz übernimmt die Zügel. Selbst aus ein gewissen Entfernung strahlen die kraftvollen Musiker eine einschüchternde Autorität aus. Mag es ein Wechselspiel aus gekonntem musizieren und Manneskraft sein, auch bei den Balladen wage ich keinen Schritt näher an die Bühne.

Die vorletzte Band hat gespielt. Der Abend scheint fast vorbei. Alle Festivalbesucher treffen zusammen. Jeder verlangt ein Stück freie Sicht. Das Licht geht aus und ein lauter Beat ertönt. Fast in einer Polonaise kommen Wir sind Helden unter Jubelrufen auf die Bühne. Sängerin Holofernes bezirzt mit ihrer zauberhaften Eigenart. Sie grüßt, verbeugt sich und tatsächlich glaubt ein jeder Ihr, wenn sie fragt, „geht es euch gut?“. Während Schlagzeuger Pola sein Herz für Magdeburg ausspricht und dabei gegen die Mücken kämpft, tanzt sich Holofernes in alle Herzen. „Heidi Klum ist ein Arschloch“, ruft die weibliche Frontfrau laut in die Nacht. Tatsächlich entsprechen die Musiker nur ihren eigenen Kriterien, aber selbst den größten Zweiflern wird bewusst: Sie sind gekommen um zu bleiben!

Während die Lichter ausgehen und fast 5000 Musikliebhaber langsam das Gelände verlassen, kommt plötzlich dieses Gefühl. Neben müden Beinen, dröhnenden Ohren und schwitzenden Gliedern, macht sich die Vorfreude auf nächstes Jahr breit.

 


 


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