Der Elbauenpark als Zeitkapsel

„Hereinspaziert, hereinspaziert! Sie haben jetzt die einmalige Gelegenheit an einer barocken Scharade teilzunehmen, aber Obacht, es wird kein leichtes Unterfangen.“

Stars im ParkText: Isabell Redelstorff   Fotos: Juliane Schulze

Großpösna| Mit diesen Worten begrüßten Gestalten vergangener Tage mit weißen Gesichtern, imposanten Kleidern und geschwollenen Worten die Besucher am vergangenen Wochenende im Elbauenpark. Das erste Gartenträume-Festival „Stars im Park“/ Jan Josef Liefers präsentiert alte Meister und neue Helden verzauberte Jung und Alt, klein und groß bereits beim Eintritt in das lebendige Schauspiel.

Während die Szenerie zunächst Erstaunen hinterließ und sich weit geöffnete Münder und große Augen um die körpereigene Achse drehten, tapsten klammheimlich die Musiker der Magdeburger Philharmonie hinter die Seebühne. An jedem Tag des kunstvollen Wochenendes würden kleine und große Überraschungen, Festival-typische Happen, musikalische Kontraste und natürlich die Schönheit des Elbauenparks den einen oder anderen in kribbelnde Zustände versetzen.

Der Freitag gebührte dem in Magdeburg geborenen Georg Philipp Telemann. Ein Mann, der nicht nur als Komponist die musikalische Erinnerung beeinflusst, sondern mit seinem Wirken auf die bürgerliche Haltung zur Musik als ein zeitgenössischer Revolutionär der harmonischen Klänge angesehen werden darf. Eben dieses Schaffen, mit Leid, aber auch Leidenschaft verbunden, galt es – – fast freundschaftlich – zu hofieren. Und wer kann für eine moderative Gestaltung zwischen Witz, Charme und anerkennender Ernsthaftigkeit besser geeignet sein, als Musiker und Schauspieler Jan Josef Liefers. Ein Mann, der nur mit dem Betätigen einer Fahrradklingel begeistern mag, sah sich nun in der Funktion, die neugierigen Gäste nicht nur am ersten Tag durch eine musikalische Zeitreise zu führen, sondern jedem dieser drei Tage seine Präsenz zu verleihen.

Es ist wie ein Ankommen, als die Magdeburger Philharmonie ihre Instrumente in weiche Wogen führt und dem Publikum signalisiert, der Startschuss für ein – zugegebenermaßen – zunächst antagonistisch wirkendes Wochenende sei gefallen. Wie sehr jedoch dieser vermutete Dualismus letztendlich die Zusammengehörigkeit von barocker Musik und der heutigen Pop-Manier beweist, erklärt sich in dem Moment, wenn der Prozess von musikalischer Entwicklung verstanden wird. Ohne die Kompositionen der alten Meister – keine Popsongs moderner Helden.

Pawel Poplawski, Kapellmeister der Magdeburger Philharmonie, liefert sich, während der Moderation des klassischen Konzerts, mit Liefers ein liebevolles Kleinduell der Worte. Dabei erreicht jede Verbalisierung den richtigen Grad zwischen erzählerischer Darbietung von wichtigen Lebensstationen der barocken Künstler und humorvollen Wortgefechten zwischen Poplawski und Liefers. In der früh abendlichen Atmosphäre, irgendwo zwischen gegenwärtiger Sommerbrise und
zeitgenössischen Klängen des Barocks, entsteht so etwas wie ein surrealer Zauber, der unbemerkt ein Stück innere Einkehr ermöglicht.

Doch nichts dauert ewig und schon erklärt Liefers: „Meine Damen und Herren, nun wird der Park zum Star.“
Nachdem der knurrende Magen und die trockene Kehle mit Speis und Trank besänftigt wurden, trifft sich eine gemischte Fangemeinde erneut am Eingang der Seebühne. Die Abendstunden versprechen neben ansehnlichen Perspektiven auch ein dynamisches Lauscherlebnis, wenn auch lauschen nicht ganz der Wahrheit entspricht. Revolverheld kommen entspannt mit einem jugendlichen Charme die Bühne herauf. Während sie sich davor noch ganz bodenständig zwischen Besuchern und Vogelgezwitscher im Park bewegten, springt Sänger Johannes Strate jetzt über Stühle und holt die letzten Reihen ganz nach vorne. Es ist ein kleines Konzert, aber mit dem Gefühl – musizieren leicht gemacht – tritt das gesamte Publikum als Künstler auf. Abgerundet, energetisch und vor allem musikalisch endet der erste Tag des Festivals.

Revolverheld

Während der Freitag zwar spärlich besucht war, jedoch mit Sonne bestach, klappern am Samstag bereits die Zähne. Und da Ablenkung bekanntermaßen hilft dem Wetter zu trotzen, wird sich auf kleine Stationen am Wegesrand konzentriert, die zunächst der Frage auf den Grund gehen: Wer ist eigentlich dieser Bach? Doch wieder klärt Jan Josef Liefers biografische Besonderheiten und kann in einem Wechselspiel zwischen Personenvorstellung und Darbietung klassischer Werke ein rundes anstelle eines eckigen Porträts zeichnen, welches dem Zuhörer nicht nur ein wohliges Gefühl verleiht, sondern gleich noch den Drang entstehen lässt, auch im Privaten das eine oder auch das andere Musikstückchen ausfindig zu machen. Ein Raunen geht durch die Menge, wenn er kleine, manchmal nicht gekannte Geschichten über diesen Meister seines Fachs mit einem neckischen Augenzwinkern erzählt.

Auch nach dem ersten Teil des zweiten Tages sollen Sitzfleisch und Hörempfinden nicht zu sehr strapaziert werden. Während um die Nasen im Park ein frisches Lüftchen weht, gibt sich Liefers ganz publikumsnah und rät jemandem dazu, gern etwas zu essen. Er lässt sich fotografieren und schreibt geduldig zahlreiche Autogramme. Doch selbst während dieser Beschäftigung verrät seine zurückhaltende Attitüde sein beobachtendes Naturell. Der Schauspieler nimmt alles um sich herum wahr und plötzlich ist er der Starrende und aus dem im Mittelpunkt stehenden Schauspieler wird eine Randperson, die mit Zigarette in der Hand die persönliche Nähe zum Publikum sucht. So kann es durchaus sein, dass im zweiten Teil des Konzerttages, während des Auftritts von den Prinzen, Liefers plötzlich mitten drin steht und selbst ein applaudierender Fan wird.

Sebastian Krumbiegel und Tobias Künzel singen sich die Stimmbänder wund und zeigen auf: Die Prinzen waren nie weg und werden es wohl auch nie sein. Alte Songs werden dabei zu Klassikern, gleiche Frisuren gewinnen an Kultcharakter und ein runder Bauch steht dem Charisma nicht im Wege. Dennoch wirken sie schüchtern und gehen nicht von vorne herein in die Offensive. Zwanzig Jahre a capella-Gesang und wenn auch der Hund schwul ist, diese blöde Sau lieben sie ihn gerade deswegen. So stellt es sich dar, dass noch spät am Abend irgendwo eine Stimme zu hören ist, die laut verkündet: „Küssen verboten, Küssen verboten, keiner der mich je gesehen hat, hätte das geglaubt, küssen ist bei mir nicht erlaubt!“

Ein ausverkaufter Sonntag, ein höchst motivierter Liefers, eine wieder einkehrende Philharmonie, die Rockgröße Silly und ein besonderer Name. Georg Friedrich Händel.
Der hallensische Komponist schrieb 42 Opern und 25 Oratorien. Welch eine Leistung für nur ein Leben. Tatsächlich darf schon aus diesem Grund ein respektvolles Kopfnicken verlangt werden. Die Zuschauertribüne der Seebühne ist restlos besetzt und wer auch nur eine kleine Nische finden kann, nimmt den wärmenden Körperkontakt des zumeist fremden Sitznachbarn bei den frischen Temperaturen nur zu gerne in Kauf.

Silly

Es scheint, als haben Poplawski und Liefers nie etwas anderes getan als gemeinsam an den barocken Komponisten zu erinnern. So bleibt es unvermeidbar, dass Liefers sich mit der Unterstützung des Kapellmeisters auch im Singen verausgabt. Zwischen beiden Männern entwickelte sich ein humorvolles Pingpong-Spiel, welches in jedem Moment eine gegenseitige Sympathie erahnen lässt, ohne dabei auch nur einen der beiden aus dem Unterhaltungsfeld zu werfen. Im Idealfall ohne Punkt und Komma und hintereinander weg.

An jedem dieser drei Tage findet in dem klassischen Unterhaltungsteil eine Differenz, abhängig von dem jeweiligen Komponisten, statt, aber trotz dieser Abweichung gibt es wiederkehrende Elemente, die selbst beim dritten Mal Hören die Mundwinkel nach oben ziehen lässt. Ob nun Henry Purcell, Christoph Willibald Gluck oder Antonio Vivaldi, die Magdeburger Philharmonie kleidet den Elbauenpark in eine gestalterische Eleganz, die träumerischen Raum für die eigene Fantasie ermöglicht.

Nach so vielen schwärmerischen Ausbrüchen in die deutsche musikalische Vergangenheit, dribbeln die Beine der zahlreichen Besucher aufgeregt durch den Park. Schnell gibt es dort noch eine Brezel und hier ein Glas Wein, bevor rasch die Plätze eingenommen werden, um der Rockband Silly in freudiger Erwartung einen lauten Jubelschrei entgegen zu schleudern. Jan Josef Liefers, fein säuberlich aus dem nachmittäglichen Kostüm gepellt, kündigt die Ostberliner Band mit dem Zusatz: „Die Sängerin wohnt rein zufällig in der gleichen Straße wie ich.“, an und kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Fast einem Klischee entsprechend kommen die Musiker mit langen Haaren, Lederweste und gitarrenverliebt auf die offene Bühne.

Während die Männer mit einem impulsiven Instrumental-Auftakt und verschmitztem Lächeln offensiv die imaginären Leinen des Publikums lösen, betritt mit tänzelndem Schritt Sängerin und Schauspielerin Anna Loos die Stufen. Mit offenem Blick, klaren und freundlichen Worten kommt sie zwischen den Liedern fast überschwänglich ins Plaudern und zwischendurch wirkt es fast so, als wenn sie für immer bleiben wolle.

Ein Höhepunkt wird Ihr Duett mit Liefers, ein Moment, in dem das Ehepaar neckisch auch den letzten sitzenden Zuschauer von seinem Plätzchen fort lockt. Nachdem die Nachwuchsband Pilot auch noch einen ihrer Songs vor dem restlos begeisterten Publikum spielt, scheint der Abschluss des Festivals nicht mehr steigerungsfähig, aber was wäre eine Erwartung ohne die Erkenntnis, dass nichts so kommt, wie im Vorfeld erdacht. Silly erhalten ihre Platinauszeichnung von den Mitgliedern ihrer Plattenfirma überreicht und verabschieden sich im gleichen Atemzug vom applaudierenden Publikum. Ein fulminantes Finale nach einer dreitägigen Entdeckungsreise zwischen dem Hier und dem Damals und der scheinbaren Disparität, die sich letztendlich als Korrelation zwischen Vergangenem und Gegenwart erwies .

 


 


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