Rezensiert: The Strokes – Comedown Machine

Ohne großes Aufsehen veröffentlichen The Strokes ihr neues Studioalbum Comedown Machine und sorgen für offene Münder in den Reihen der eingefleischten Fans. Schiere Enttäuschung? Aufgeflammte Bewunderung? Fest steht: Der Sound des Debüts Is This It aus dem Jahre 2001 ist passé, eine glitzernde Discokugel funkelt aus der alten, maroden Garage des gepflegten Rock.

P7Text: Marco Weiser | Grafik: RCA Int. (Sony Music)

Bereits der erste Track lässt aufhorchen: wo bleibt der dreckige Sound? Tap Out ist geprägt von groovigem Funk und wird dabei von einem Hauch Gitarre gestützt. Da eine einsetzende Orgel, dort mehrstimmiger Falsettgesang – kann das überzeugen? Fakt ist: Synthesizer und poppige Songstrukturen sind nun wohl die neue Ausdrucksform, die die Strokes-Mitglieder bereits in ihren Seitenprojekten vernehmen ließen.

Ruhiger sind sie geworden. Schnell schwingt der Verdacht mit, dass eine stumpfe Halbherzigkeit der ursprünglichen Euphorie gewichen ist. Die Bandmitglieder gehen mit dem neuen Album wohl nicht auf Tour, zu sehr sind sie in eigenen Soloalben oder Projekten mit Größen wie Sia eingebunden.

Sicher, eine Band darf und sollte sich nicht einer Weiterentwicklung widersetzen und ja, sie werden auf ewig die schwere Bürde ihrer Vorgängeralben tragen müssen. Andererseits brachte jedoch genau der Sound ihres Debüts den breiten Erfolg: Der pumpende Garagerock, die eingängigen Melodien mit stetem Kopfnickerbeat, der Drang, sich noch ein Bier aufmachen zu müssen und den Lautstärkeregler am Verstärker aufzudrehen. Zumindest für zwei einsame Tracks, All The Time mit seinen scheppernden Gitarren und dem schmutzigen 50/50, kann der Hörer noch immer in Erinnerungen schwelgen, jedoch zeigen die restlichen Songs, dass der rockige Mythos der Strokes nicht mehr zu retten ist.

Den Beweis dafür findet man im eher vorsichtig instrumentierten, melancholisch anmutenden Song Slow Animals. Jener wartet mit einem sehr eingängigen Refrain auf, welcher sich allerdings auch den Vergleich zu der französischen Band Phoenix gefallen lassen muss. Eine Ballade wie 80s Comedown Machine entführt den Hörer in eine die vergangene Welt des 80er Dream-Pop. Es drängt sich die Vermutung auf, dass die Band auf der Suche nach einem noch nicht gefestigten, neuen Sound ist. Als Konsequenz ertönt nun ein inkonsistent anmutendes Album, dessen strukturelle Perfektion noch einige Zeit zur finalen Reife gebraucht hätte.

Comedown Machine ist eine klare Weiterführung des Vorgängers Angles aus dem Jahre 2011. Ohne Frage werden Songs wie Welcome to Japan die Floors der einschlägigen Indie-Discos füllen, aber zu welchem Preis? Einer Platzierung in der Schublade der von Belanglosigkeit gezeichneten Bands, die mit ihren austauschbaren Songstrukturen zwar für diverse Hits sorgen, jedoch dann sehr schnell wieder aus den Ohren der Hörer verschwinden werden? Im Hinblick auf den auslaufenden Plattenvertrag mit RCA ist das unter Umständen auch eine Art Kalkül, um welches die Band übrigens kein Geheimnis macht: "Diese Scheibe ist das letzte Album", so konnte man zumindest in einem der raren Interviews lesen.

Übersetzen kann man das neue Album "Comedown Machine" ungefähr mit "Umgangsmaschine". Kombiniert man dies mit der Aussage des Strokes-Gitarristen Nick Valensi, die Band sei nun in der Pubertät angekommen, so kann man abschließend festhalten: Ja, sie passen sich an und werden Frau Mama am sonntäglichen Kaffeetisch mit ihren guten Manieren sicher sehr erfreuen. Wer möchte, kann gern länger bei diesem Kränzchen bleiben – viel wird jedoch nicht mehr passieren.

 


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